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Emil Gustafson

Die Braut eines Königs

Aus dem Schwedischen von

Heike Diana Frank

 

Heilige Übergabe

 

SELBSTAUFGABE

Die Aufgabe des Geistes ist es, unsere Herzen für Jesus zu erobern. Aber wie oft trauert Er um unserer Treulosigkeit willen!

Wir weinen, ohne uns selbst aufzugeben. Und jedes Streben, heilig zu werden, strandet an der fehlenden Übergabe.

Die Treulosen überschwemmen den Altar des Herrn unter Klagen mit Tränen. Sie haben trotz vieler heiliger Versprechen noch nicht die Erneuerung des Geistes erfahren, und ich glaube, daß die meisten sich eine tiefere Erlösung verbitten würden, wenn das zweischneidige Schwert bis zur Wurzel ihres eigenen Lebens hineinschneiden dürfte. Nein, ihnen fällt es leichter zu weinen als sich dem Herrn zu übergeben, und sie verwenden eine größere Sorge auf die Berechnung des Segens als auf die Verantwortung einer heiligen Übergabe. Wenn sie so das Ziel ihrer Sehnsucht, gesegnet zu werden, nicht erreichen, werden sie sogar aufrührerisch im Geist und sagen: "Es ist eitel, Gott zu dienen." Ach, der Mensch würde lieber sterben als sich selbst aufzugeben.

Er will lieber große Versprechen abgeben als im Kleinen treu zu sein. Er mag das Lied "Dein ich bin!" mehr als die Gemeinschaft mit Gottes Lamm auf dem Kreuzesweg. Wo sind die, die sangen: "Jesus, mein Kreuz ich tragen will, alles verlassen und folgen dir, arm, nackt, ohne Ehre; du sollst alles werden mir"? Sie sangen wie das Volk des Herrn am anderen Meeresufer: "Er ist mein Gott, ich will ihn ehren", aber sie haben niemals eine tiefere Verantwortung für das Leben, das sie leben, verspürt. Christus hat viele Bekenner, aber wenig Nachfolger; und auch du, der du "alles auf den Altar des Herrn legtest", willst dein Leben bewahren und Gott auf selbstgewählten Wegen dienen. Bruder, warum tust du das? Meinst du, daß auch der, der dem Herrn versprochen hat, treu zu sein, ihm mit einem halben Gehorsam dienen und Sichems Altar "den Altar des Gottes Israels" nennen kann (1. Mose 33, 20)? Dein Gott ist der Gott Bethels, und nur dort kannst du ihn finden (1. Mose 35,1). Bezahle ihm deine Gelübde.

Wie ein Bräutigam, der von seiner Verlobten verlassen wurde, klagt der Herr - und nur der, der weiß, was es bedeutet, mit Schmerzen Seelen zu gebären, kann inetwa verstehen, was diese Klage bedeutet: "Was soll ich dir tun, Ephraim? Was soll ich dir tun, Juda? Denn eure Liebe ist wie eine Morgenwolke und wie ein Tau, der frühmorgens vergeht." (Hos. 6,4). "Wenn ich ihm gleich viel tausend Gebote meines Gesetzes schreibe, so wird's geachtet wie eine fremde Lehre." (Hos. 8,12). Sie weinen, um die Geistesgaben zu gewinnen, aber gehen fort zu ihren Abgöttern. Wie lange werden sie weinen? Ich weiß es nicht. Vielleicht das ganze Leben lang.

Der ungehorsame Sohn kann sich der Liebe seiner Mutter nicht durch Tränen, sondern durch Gehorsam erfreuen. Die Mutterliebe verbietet ihr, durch verweichlichte Erziehung die bösen Anlagen des Kindes zu fördern, denn ihr Ziel ist die Grundlegung des Charakters; und darum müssen die Kinder sowohl ihren gerechten Sinn wie auch ihre vergebende Liebe spüren. Was soll's, wenn auch die Tränen strömen! Obwohl den Absichten ihrer Mutter fremd, werden die Kinder dennoch einmal zu ihrer Freude herausfinden, wie hoch sie sie liebte. Sie werden mit der Zuneigung eines Kindes sie umarmen, je mehr sie unter den Einfluß ihres Willens kommen. Das ist das Geheimnis. Der Eigenwille muß gebrochen werden. Er gibt alles und fordert alles. Denn Er liebt dich wie eine Mutter ihr Kind. Und ihr werdet einander verstehen, indem ihr einander habt. Das Ziel der Züchtigung ist, uns Seiner Herrlichkeit teilhaftig zu machen (Hebr. 12). Wir kennen Gott durch Sein eigenes Wesen (1. Kor. 2).

Aber so lange der Mensch kein höheres Ziel hat, als gesegnet zu werden, kann er nicht gesegnet werden, denn nur durch Übergabe an den Herrn kann er Seiner teilhaftig werden. Er muß sein Leben preisgeben, um in den Genuß von Gottes Leben zu kommen. Und Gottes Leben zu besitzen ist mehr als Gottes Segen. Danach sehnt sich Sein Herz, das sich für uns selbst gegeben hat, um eins mit seinem Volk zu sein, wie eine Mutter nicht gut weniger als sich selbst ihren Kindern geben kann. Der Bräutigam hat etwas Größeres für seinen Auserwählten in Bereitschaft als "liebliche Gefühle" oder was wir Segen nennen. Er will ihm das Wissen um Seine Liebe schenken.

Mein Freund! Hast du Ihm, der alles für dich gab, nicht mehr zu geben - nicht mehr als deine Tränen? Hast du, der du schon von Mutterleibe an Gegenstand Seiner gewesen bist, kein größeres Begehren als gesegnet zu werden? Wenn Er deine Liebe so hoch schätzt, daß Er um dein Herz bittet, warum dich dann nicht selbst Ihm geben? O, zerschlage nicht das Herz des Bräutigams mit falschen Tränen, wie das eigensinnige Kind die letzten Hoffnungen seiner Mutter zunichte macht. Sing nicht so lange "Dein ich bin!", bis du von Gott getrennt bist. Keiner hat Macht über die Pforten des Himmels, indem er ruft: "Herr!" - Christ, wo bist du?

Wir wählen irgend eine Arbeit für Ihn aus, anstatt unser Leben für Seinen Dienst zu heiligen.

Du willst etwas für Gott machen. Aber sieh zu, daß du nicht unter denen bist, die Gottes Werk durch ihren Eifer zu reden, wenn sie hören sollten, hindern. Der Meister wollte sich ihnen offenbaren, aber sie hatten der vielen Arbeit wegen keine Ruhe, still zu sein; und vielleicht bist auch du auf ähnliche Weise ab und zu von deinem Freund weggegangen. Sie sind ständig beschäftigt, wie Martha, und haben keine Zeit zum Hören, bevor nicht irgend ein Grab sich öffnet oder der Sturm sie dazu zwingt, den Anker auszuwerfen. Und mancher bleibt nicht stehen, bevor der Herr ihn nicht beiseite genommen hat, dorthin, wo er keinen anderen Laut als die Stimme des Herrn hört. Ein solcher Aufenthalt in der Wüste der Trauer und des Leidens ist für manche Seele eine Verlobungszeit geworden (Hos. 2).

Aber derjenige, der irgend eine Arbeit für den Herrn wählt, macht sogar die Mahnung des Geistes, sein Leben zu heiligen, zu einem Missionsbefehl und sagt: "Ich kann nicht gesegnet werden, bevor ich nicht aufs Missionsfeld komme." Und während sie sich selbst die Aufgabe, Zeugen des Herrn zu sein, auferlegt haben, gäbe es einen so viel größeren Grund, jetzt ihren Platz aufzugeben, wenn sie durch die Sehnsucht nach dem Sieg Karmels das Wunder des Herrn mit dem Mehlkrug verloren haben. Nun können sie sogar durch die Umstände Gottes Willen verstehen, denn sie haben Seine Führung in allem gesehen, und es würde ihnen niemals einfallen, daß der Herr so begabte Männer und Frauen wie sie dazu berufen hat, Jethros Schafe zu hüten. Indes haben die meisten Gottesmänner ihren Unterricht in der Schule der Wüste durchzumachen gehabt. Und sie zitterten sogar nach vierjährigem Studium vor dem Examen des Lebens. Aber es braucht seine Zeit für den Menschen zu lernen, wie klein und gering er ist.

Wie ein junger Mann nicht zum Befehlhaber taugt, so kann kein Unerfahrerner teuer erkaufte Seelen ohne Gefahr für Schiffbruch handhaben. Aber sind wir immer im Bewußtsein dessen, daß die Mission nicht mit schönen Worten, sondern mit Persönlichkeiten betrieben werden soll? Und haben die jungen Missionskandidaten daran gedacht, daß die Person selbst der Prediger ist, und nicht die Botschaft, die er bringt? Es geschieht nicht selten, daß junge Männer in eigener Kraft vorwärts gehen, und anstatt andere zu gewinnen, mit Not das eigene Leben retten, wie es der Fall war mit einem von des Herrn eigenen Jüngern. Und hätte er auf die Warnung des Meisters achtgegeben statt seine Waffen zu ordnen, wäre er nicht gefallen (Joh. 13,38). Und wäre Mose still gewesen, bis er seiner Aufgabe gewachsen war, hätte auch er sich selbst vor der großen Niederlage bewahrt. Das Predigtamt macht den Menschen nicht besser, wenn er keine größere Sorge hat als zu reden. Sogar derjenige, der große Dinge tut, kann so weit von Gott getrennt sein, daß der Herr sagt: "Ich habe euch nie gekannt." (Matth. 7,23). Davon haben wir, traurig genug, viele Beispiele.

Die geistliche Arbeit ist keine Zuflucht für schlechte Christen. So wie der Feind seinen Anfall gegen den Heerführer richtet, sind insbesondere Lehrer und Prediger der Raserei des Teufels und der Welt ausgesetzt. Wenn jemand es riskiert, seine Seele zu verlieren, so ist es der Prediger.

Daher ist es nicht die Mission, die den Missionar heiligt. Im Gegenteil muß der, der auf das Missionsfeld hinausgehen will, geheiligt sein. Und Gottes Ordnung ist immer diese: geheiligt und gesandt. Gott wirkt, und wir arbeiten, nicht umgekehrt. Darum ist die Frage nicht, was du tun sollst, sondern, was du sein sollst: Sein oder dein eigen. Derjenige, der nicht Sein ist, wirkt sein eigenes Werk. Und derer sind sicher wenige, die in vorbereiteten Werken wandeln (Eph. 2,10).

Aber völlige Übergabe an den Herrn der Mission macht die geringste Mission erbaulich. Der, der alles um des Herrn willen tut, wird näher an Gott geführt, indem er Ihm dient. Ein Gefühl heiliger Verantwortung macht den Menschen ernst.

Ein drittes Hindernis für Gottes Werk in unseren Herzen ist, daß wir durch das Streben, mehr von Gott zu bekommen, nicht mehr von uns selbst geben.

Christus ist eine so nahe Gemeinschaft mit uns eingegangen, daß wir Glieder seines Leibes sind (Eph. 4). Das neue Leben wird von einer eindrängenden Lebensfülle gesättigt wie alles innerhalb der Welt der Natur; aber wir werden niemals mehr von Gott bekommen, wenn Er nicht mehr von uns bekommt. In dem Maße, wie Er uns besitzt, besitzen wir Ihn. Der Brunnen muß mit leeren Gefäßen ausgeschöpft werden. Die Seele kann von Gott erfüllt sein, solange wie sie selbst leer ist.

Wer wünscht sich nicht, gesegnet und bis zur ganzen Fülle Gottes erfüllt zu werden! Wir hungern förmlich danach, sagen zu können: "Alles Deinige ist mein." Und weil uns alles, was zum Leben und zur Göttlichkeit gehört, geschenkt ist (2. Petr. 1), ist es Gottes Wille, alle Kinder von ihm zu segnen. Aber wir werden niemals zur Erfahrung von Gottes Fülle kommen, bevor wir nicht ungeheuchelt sagen können: "Alles meinige ist Dein." Der Ausgangspunkt für ein göttliches Leben ist die Selbstaufgabe, die diese Worte beinhaltet. Meine Person, meine Ehre, mein Einfluß, meine Rechte, meine Zeit, mein Leben, mein Wille, mein Blut - alles ist Dein (Joh. 17,10).

Derjenige, der zu der Erfahrung kommen will, so zu sein, als ob er nichts besäße, obwohl er alles hat, darf sein Leben nicht lieb haben. In jedem Punkt, wo der Mensch für sich selbst lebt, ist er von Gottes Leben unberührt, und die feinste Form des Eigennutzes ist ein, wenn auch steuerpflichtiger, Amalekiter, der ständig die Seele beunruhigt. Aber nur der Geist prüft das Herz bis auf den Grund. Nur der Herr kennt die Tiefe unserer selbstsüchtigen Natur. Nur die Erfahrung Seiner Liebe kann heilige Beschlüsse in unseren Herzen gebären.

Du fragst, wie du die Reinheit des Herzens gewinnen und ein Gefäß zur Ehre werden kannst. Übergib dich ganz, bedingungslos, wie du bist, dem Herrn. Was hat der Ton zu tun, um ein Gefäß zu werden? Überlaß' ihn dem Töpfer. Wie hat meine Feder die Gedanken einer Person an lebendige Wesen mitteilen können? Sie ruhte nur in meiner Hand. Ich wirkte und sie arbeitete, nicht aus eigener Kraft, sondern von meinem Willen beherrscht. Sie war so abhängig von mir, daß es niemandem von meinen Lesern einfallen würde zu fragen, ob ich feine oder dicke Federn benutze. Und dennoch kann ich ohne sie nicht auskommen. Eine Übergabe an den Herrn vernichtet allen eigenen Ruhm. Wir sind schwach. Wir sind nichts. Und dennoch kann der Herr ohne uns nicht auskommen. Sein Herz wählt uns aus, und wir müssen Sein werden.

Denn der Engel nimmt Er sich nicht an, sondern des Geschlechtes Abrahams nimmt Er sich an.

ÜBERGABE

Die Braut ist selbst ein Zeugnis vom Weg zum Herzen des Königs. Die Worte "ein König ist in deren Locken gefangen" geben eine Absonderung für ihn an. - Das Nasiräergesetz schrieb nämlich vor, daß die Person ihr Haupt nicht scheren durfte, solange die Nasiräerschaft reichte, und die Locken der Braut sind folglich ein Bild für die Heiligung der Gläubigen. - Der Heilige Geist bringt ihre Absonderung zur Wirklichkeit. Und das ist es, was die Gemeinde in der jetzigen Zeit benötigt: weniger Worte und größere Wirklichkeiten.

Die Warnung vorausschickend, das Werk des Heiligen Geistes bei anderen nicht nachzuäffen, werden wir mit einigen Beispielen, die der christlichen Erfahrung entliehen sind, zeigen:

1. Die Bedeutung und Kraft einer heiligen Übergabe

Wenn du auf das Leben derer achtest, die von Gott reich gesegnet waren, wirst du herausfinden, daß sie gewöhnlich mit einer feierlichen Übergabe an den Herrn angefangen haben.

Der Schlüssel zu der wunderbaren Kraft, die über einem solchen Mann wie Pastor Oberlin ruhte, ist zweifellos in der Absonderung für den Herrn zu suchen, die sein Bund mit Gott beinhaltete. Der Kern von deren Inhalt war wie folgt: "Ich übergebe dir alles, was ich bin, und alles, was ich habe. Im Namen des Herrn der Heerscharen entsage ich mich aller früheren Herren, die Macht über mich gehabt haben; der Freuden der Welt, an welchen ich allzu sehr Gefallen gefunden habe, und aller fleischlichen Begierden. Ich entsage mich aller vergänglichen Dinge, damit Gott mein alles werden kann. Ich überlasse dir alles, was ich bin, und alles, was ich habe, meine seelischen Fähigkeiten, die Glieder meines Leibes, mein Besitztum, meine Zeit. Sei mir gnädig, du Vater der Barmherzigkeit, alles zu deiner Ehre und im Gehorsam gegenüber deinen Geboten zu gebrauchen."

Und der Bericht vom vater- und mutterlosen Mädchen Louise Shepler, die einen so tiefen Eindruck von dem geheiligten und selbstverleugnenden Leben des guten Lehrers erhielt, daß sie sich das Vorrecht erbat, ihm den Rest des Lebens ohne Lohn dienen zu dürfen, zeigt uns - mit aller wünschenswerter Klarheit, daß unser Leben im richtigen Verhältnis zu unserer Absonderung stehen kann und daß sich Gott besonders derer annimt, die sich ihm heiligen.

Der Ursprung der unmittelbaren Wirkung von George Whitefields Predigten ist zweifellos die das ganze Leben umfassende Übergabe, die er selbst mit folgenden Worten wiedergegeben hat: "Als der Bischof seine Hände auf meinen Kopf legte, opferte ich, wenn mich nicht mein böses Herz betrügt, meinen ganzen Geist, Seele und Leib dazu, um Gott in seinem Heiligtum zu dienen. Komme, was kommen mag, Leben oder Tod, Tiefe oder Höhe, werde ich doch hiernach leben wie der, welcher an diesem Tag im Angesicht von Menschen und Engeln das heilige Gnadenmittel eines Bekenntnis nahm, im Inneren vom Heiligen Geist bewegt worden zu sein, sich dieses Dienstes in der Gemeinde anzunehmen. Ich kann Himmel und Erde zu Zeugen nehmen, daß ich mich, als der Bischof seine Hand auf mich legte, dazu übergab, ein Märtyrer für ihn, der für mich am Kreuz hing, zu werden. Ihm sind alle zukünftigen Ereignisse und Umstände bekannt. Ich habe mich blind auf ihn geworfen, und ich übergebe mich in vollem Vertrauen ganz in seine Hände."

Derart war George Whitefields Übergabe an Gott, und man muß gestehen, daß sein ganzes restliches Leben die Aufrichtigkeit und Wahrheit dieser bestätigte. Von seiner ersten Predigt, als fünfzehn Personen zu tiefer Reue über ihre Sünden gebracht wurden, bis zur letzten drangen seine Worte durch die Herzen der Menschen und legten die Zuschauer an Jesu Füßen zur Erde. John Newton berichtet von ihm, daß er während einer Woche nicht weniger als tausend Briefe von solchen Menschen empfing, die während seiner Predigt wegen ihrer Sünden in Gewissensnot gekommen waren (A.J. Gordon).

Diese Wirkung war wirklich nicht die Frucht einer "anziehenden Redegewandtheit", sondern der Geisteskraft, die er vom Herrn empfangen hatte, nicht um Bewunderung zu wecken oder beliebt zu werden, sondern um "ein Märtyrer für ihn zu werden". Und so wenig Sorge um seine Ehre hatte er, daß er allen persönlichen Angriffen mit der apostolischen Entzückung begegnete: "Mag Whitefields Name vergehen, wenn nur Jesus Christus verherrlicht wird." Wenn die Lehrer und Prediger der Gegenwart so dem Herrn ergeben wären, würde die Mission, glaube ich, die wunderbarste Zeit erleben, die die Welt je gesehen hat.

Die Gemeinde mag einer solchen Erfahrung Aufmerksamkeit widmen oder nicht, derjenige, der ein hohes Bekenntnis abgelegt hat, mag dieses mit seinem Leben verleugnen - die große Bedeutung und Kraft einer heiligen Übergabe kann doch niemals bestritten werden. Wie ein brennendes Licht für andere leuchtet, indem es selbst verzehrt wird, so kann ein Christ nur göttliches Licht abgeben, wenn er sein Leben dem Herrn gibt.

Aber der Schritt, den wir meinen, hat eine Bedeutung für den Gläubigen, wenn er für den Herrn abgesondert ist. Er kann für ein bestimmes Ziel abgesondert sein und sein Werk mit Fleiß vollbringen, aber dennoch nicht für Gott abgesondert sein. Es scheint sogar so zu sein, als ob ein Teil Christen für sich selbst abgesondert ist, und während andere dafür kämpfen zu gewinnen, leben sie gut wie die Drohne in ihrem Korb, solange es Arbeiter gibt, die den Honig sammeln. Sie wollen solche Männer hören, die "ein volles Evangelium" predigen, und sie reden gern vom "höheren christlichen Leben", aber mangeln der Liebe des Geistes, die Gott durch Opfer dienen will. "Ich habe nichts zu geben", sagte einer von diesen, "denn ich habe meinen Besitz Gott überlassen." Ein anderer wurde ermahnt, den Rettungssuchenden zu dienen, aber er antwortete: "Nein, Bruder, ich bin für Gott abgesondert."

2. Die Seele muß durch Seinen Willen geheiligt sein

Die Sitte, das Ohr des Dieners zu durchbohren, war eine symbolische Handlung. Von dieser Stunde an war er der Leibeigene seines Herrn, und sein Ohr wurde auf eine bildhafte Weise rein und geheiligt für den Hausherrn. Das bedeutet Gehorsam (2. Mose 21).

Von Gottes Sohn lesen wir: "Schlachtopfer und Speisopfer willst du nicht, aber einen Leib bereitetest du mir." Der Leib entspricht dem Ohr, und wie wurde Er durchbohrt, weil Er dazu geheiligt war, den Willen dessen zu erfüllen, der Ihn gesandt hatte. Aber gehorsam bis in den Tod war Er wie ein Lamm, wenn es zur Schlachtung geführt wird, und Er bat, wenn auch unter Tränen: "Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst." "Und in der Kraft dieses Willens sind wir geheiligt worden."

Siehe, Gottes Lamm! Sieh, wie Er sich unter den Willen des Vaters beugte, als der blutige Schweiß rann. Höre Seinen Ruf: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Und frage dich selbst, warum Er, der rein und unschuldig war, diese abgrundtiefen Qualen erleiden mußte, und was Seine Worte bedeuten: "Es ist vollbracht." Und," sagt er, "ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie Geheiligte seien durch Wahrheit." (Joh. 17). "Denn mit einem Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer vollkommen gemacht." In diesem anbetungswürdigen Willen befindet sich die Quelle zum Leben und Frieden.

Der stolze Blick senkt sich, die hochtrabenden Worte verstummen, alle Kämpfe werden gestillt und alle Mißtöne sterben beim Anblick des reinen, stillen Lammes Gottes. O, daß doch alle, die der Heiligkeit nachjagen, erkennten, was es heißt, nicht durch sittliche Kraft, sondern durch sein Opfer geheiligt zu werden. Es muß erkannt werden, daß wir dem Herrn gegenüber schuldig sind, uns Ihm so zu heiligen, wie Er sich uns geheiligt hat. Aber nur durch die Liebe Golgathas kann der Mensch zu einer völligen Übergabe gebracht werden, weshalb auch die, die durch Sein Opfer geheiligt worden sind, nur danach jagen, Ihn zu gewinnen. Heilige Übergabe ist die wahre Frucht der Gemeinschaft mit Gottes Sohn.

Diese Übergabe beinhaltet Gehorsam, von Ihm gewirkt, der gehorsam bis zum Tode war. Und ich möchte besonders auf eure Herzen legen, daß Heiligkeit Gehorsam gegenüber Gott ist. Wie ein Diener für seinen Hausherrn arbeiten kann, ohne dessen Willen zu tun, so kann auch ein Christ für Gott arbeiten und Ihm wie Saul Opfer bringen und dennoch ein ungehorsamer Sohn sein.

Die Übergabe, von der wir reden, muß der Anfang zu einem neuen Leben sein. "Ein Leben, das von dem Tage an ganz Gott gehört: gelebt zu werden, wo Er will, daß es gelebt werden soll; gebraucht zu werden, wie Er will, daß es gebraucht werden soll; beendet zu werden, wenn Er will, daß es beendet werden soll."

3. Nur durch fortgesetzte Übergabe an den Herrn kann unsere Absonderung für Gott verwirklicht werden

Viele reden von einer Absonderung vor vielen Jahren, aber ihr Leben zeugt davon, daß sie nicht dem Herrn ergeben geblieben sind. Ihr Leben hat seitdem goldene Ernten getragen, aber sie haben wieder angefangen, sich selbst zu leben. Nun ist das Leben im Niedergang begriffen, während die Wirkungen einer solchen Übergabe hervorgeholt werden und die Gemeinschaft mit Gott wie das Leben der Natur mitten in der Erntezeit abnimmt. Die Ernte wird eingeholt, der Herbst beginnt.

Jesu Worte an die Gemeinde in Thyatira haben in den Tagen vor der Wiederkunft des Herrn ein besonderes Gewicht: "Doch was ihr habt, haltet fest, bis ich komme." Nicht verwunderlich, daß Jesus uns so oft ermahnt, in Ihm zu bleiben. Denn gerade an diesem Punkt haben ja so viele den Herrn im Stich gelassen und ihre Bestimmung verloren. Halte fest, was du hast. Denn die Erde wankt unter der Last von gesunkenen Geistern.

Das Heil, das Gott Seinen Kindern bereitet hat, ist genauso groß wie der Erlöser selbst. "Denn die er vorher erkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu sein." (Röm. 8,29). Seine Macht zu tun, was Er will, ist zur Genüge bewiesen. Aber die Seele muß vollständig Gott ergeben sein, wie der Ton in der Hand des Töpfers, um unter den Einfluß Seines Wirkens zu kommen. Wie das Material in der Hand des Künstlers ruht, so will der Herr, daß wir Ihm ergeben sind. Und das gilt umso mehr dem, der sich dem Herrn ergeben hat, um in Zukunft ergeben zu sein und zu bleiben, wie jedes neue Licht ein neues Opfer fordert und das große Ziel eine tiefe geistliche Erziehung.

Wie der Priester in der Zeit des Alten Bundes das Fleisch des Opfertieres bis zum Mark aufzuschneiden pflegte, weil das Opfergesetz heilig gehalten werden sollte, so untersucht auch Christus jedes Opfer, das Er selbst annimmt. Darauf zielt der Verfasser des Hebräerbriefes ab, wenn er sagt: "Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens." Aber er führt die Operation mit der mildesten Liebe aus.

Eine Übergabe an den Herrn kann in der Hinsicht entscheidend für den Schluß sein, daß sie unwiderruflich ist, aber die Heiligung ist ein fortschreitendes Werk. Eine solche Übergabe kann sogar schmerzlos sein, aber es geht nicht ohne Schmerzen, im Gehorsam der Wahrheit geheiligt zu werden. Es gibt keine Heiligung ohne Schmerz.

Aber die Tränen werden zu Kronjuwelen und die Verluste zur Fülle der Freude, wenn Er unsere Hoffnungen an den Schönsten unter den Menschenkindern gebunden hat. Mehr als die Geistesgaben ist der Bräutigam selber, und wir können Ihn niemals für die Liebe, die er uns erwiesen hat, vergessen. Alles ist nichts ohne Ihn, und nichts ist alles mit Ihm.

Ein fürstlicher Geist

Die Braut des Lammes hat nicht nur durch Vertrauen, sondern durch Charakter einen fürstlichen Geist. Vertrauen ist das, für was man gehalten wird, Charakter ist das, was man in Wirklichkeit ist. Und was man ist, beruht im wesentlichen auf das Leben des Herzens.

1. Die Braut des Lammes ist wegen ihrer Reinheit schrecklich. (Hoh. 6,4).

Der Tierbändiger beherrscht den Löwen mit seinem Blick. Ein geheiligter Mann züchtigt den Sünder mit seinem Auge. Jesus wandte sich um und sah Petrus an, und dieser ging hinaus und weinte bitterlich. Der leichtsinnige Haufen flieht vor einem strahlenden Angesicht (2. Mose 34,30). Der Tod weicht vor einer versiegelten Stirn (Offb. 7,3). Solange der Mensch rein war, herrschte er über alles.

Ein Kind hat durch seinen klaren Blick und sein reines, offenes Wesen größere Macht als mancher Sünder. Die weltüberwindende Größe ist einer Seele gegeben, die das Hohelied "meine Taube" nennt. Die Reinheit des Herzens bringt den Weltüberwinder hervor. Ein gutes Gewissen macht den Menschen freimütig. "Ich habe die Kraft von zehn Männern", sagte Tennyson, "denn mein Herz ist rein."

Aber nur der, der von der Welt unbefleckt ist, kann auf die Umgebung einen heiligen Einfluß ausüben. Wecke eine Gemeinde reinen Herzens auf, und der Sünder wird zitternd zum Thron der Gnade kommen.

2. Die Braut des Lammes gewinnt durch die Reinheit der Absichten Achtung

Reine Absichten flößen Vertrauen ein. Viele Mängel, die der Ausführung der Handlung anhaften, werden durch gute Absichten ausgeglichen. In einer so falschen Welt wie dieser muß man jeden edelgesinnten Mann und jede edelgesinnte Frau hochschätzen. Wir lehnen uns im Vertrauen gegen einen jeden, der es gut mit uns meint. Kleine Handlungen mit edlen Absichten gleichen den Korallen, die sogar Inseln in der Südsee gebaut haben. Obwohl unbekannt üben sie einen großen Einfluß aus und gewinnen mehr Achtung für sich als die Opfergaben der Pharisäer. Hast du den Unterschied bei den Charaktären im Gericht bemerkt? Die Untreuen waren nicht unwirksam gewesen. Sie hatten alles getan - aber nichts ausgerichtet. Denn die Absichten waren nicht rein. Der persönliche Wert des Menschen liegt in seinen Vorsätzen. So wie die Absicht, so der Charakter.

Der gleiche Gedanke wird von Paulus in seiner ausgesuchten Schilderung der christlichen Liebe ausgesprochen, wenn er die Handlung und den persönlichen Wert mit den Absichten vergleicht. Er spricht auf die erhabenste Weise von der Quelle jedes frommen und edlen Beweggrundes, sagend: "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnisse und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen und hätte der Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze."

Der, der Barmherzigkeit ohne Liebe übt, ist ein Heuchler. Und was ist die menschliche Eitelkeit im Dienste der Wohltätigkeit? Der verkleidete Hohn über einsame und verzweifelte Herzen. Der, der nie etwas von sich selbst gibt, gewinnt auch nichts von anderen. Man steht ohnmächtig vor den Gewissen der Menschen in Ermangelung der Herzen gewinnenden Kraft der Liebe. Die Welt kann nicht durch Worte gerettet werden, sondern durch Eindruck.

Was für einen Eindruck hat die Umgebung von dir bekommen? Ist der Umgang mit dir dazu geeignet gewesen, Ehrfurcht und Achtung vor dem Lamme Gottes einzuflößen? Ich fragte einen jungen Mann, der bezweifelte, ob es einen wirklichen Christen gäbe: "Ist das wahr? Bist du niemals mit einem lebendigen Christen in Berührung gekommen?" - "Doch", sagte er mit einem Ernst, der meine Bewunderung weckte, "mit meinem alten Vater."

3. Die Seele der Braut übt durch den Geist, der sie beseelt, einen guten Einfluß aus

Als Christ auf dem Weg nach Zion zum "Markt der Eitelkeit" kam, erregte er durch seine Sinnesabwesenheit Aufsehen. Er war nicht dort mit seinen Interessen, und auf ihre Frage: "Was kaufst du?" antwortete er: "Ich kaufe Wahrheit!". Und die allgemeine Meinung richtete sich gegen Christ, weil er nicht von dieser Welt war. Nur darum! Mancher sagt, daß er nicht mit der Freundschaft der Welt brechen kann. Treibe die Welt aus seinem eigenen Herzen, und mit der Freundschaft ist es aus.

Der Sieger sah eine Goldkette zu seinen Füßen liegen und sagte einem Mann: "Heb die Kette auf, denn du bist kein Themistokles." Laßt uns eine weltüberwindende Kraft in die Hoffnung der Christen legen, indem wir für die kommende Welt leben. Die Gemeinde wird die Welt gewinnen, indem sie auf sie verzichtet, und andere in sittlicher und geistlicher Hinsicht heben, indem sie selbst auf dem Grund der Wahrheit steht. Wie der Erfinder der Hebelkraft sagte: "Gib mir einen festen Punkt außerhalb der Erde, und ich werde sie heben."

O, wie sehr eine Menschheit, die im Irdischen versunken ist, die Hilfe von geistlich gesinnten Männern braucht! Überall um uns herum sehen wir Menschen, die durch eifriges Streben nach Irdischem ihre Ewigkeitssehnsucht töten und ohne Hoffnung sterben. Wenn diese unter den Einfluß eines heiligen Umgangs kämen, würden viele, die nun in einem fremden Land sterben, in das Vaterhaus eingehen.

Der irdisch Gesinnte erhebt keinen zum Himmlischen, wenn er auch mit Engelszungen redete, und der Heuchler fällt nicht vor dem nieder, der unwahr ist (Offb. 3). Was die Welt braucht, ist, den Einfluß geheiligter Männer zu verspüren, die das sind, was sie bekennen, aus Gott geboren: Wir stehen alle in einem solchen Verhältnis zu der Menschheit, daß wir an ihrer Heiligung mitwirken können, wenn wir selbst geheiligt sind. Es gibt eine überfließende Kraft, die die Wissenschaft Magnetismus nennt; aber auf dem sittlichen Gebiet eine noch mächtigere Kraft, die, in den Dienst der Gerechtigkeit genommen, eine wiedergebärende Wirkung ausübt. Und in diesem Licht, welche Bedeutung bekommen da nicht die Worte Jesu in Matth. 5,13: "Ihr seid das Salz der Erde!"

Niemals könnte wohl Er, der selbst das Leben und die tiefe, ungetrübte Wahrheit ist, einen stärkeren Ausdruck für die Lebensanschauung, die Er Seinen Jüngern vermitteln will, geben. Sie sollten nur das Licht der Welt sein. Nein, sie sollten gleichzeitig durch den Geist in ihrem Leben eine durchgreifendere Wirkung ausüben, und durch diese Kraft sollten sie nicht nur die Welt zivilisieren, sondern daneben und insbesondere sie wiedergebären. Ein Christ kann äußerlich das "Licht der Welt" sein, aber des Geistes mangeln, der ihn zum "Salz der Erde" macht; und dort, wo das Verhältnis so ist, wirkt er mehr auf den Verstand seiner Umgebung ein als auf das Gewissen. Und hierdurch können wir erahnen, warum das beispielhafteste Leben mitunter der heiligen und wiedergebärenden Kraft mangelt. Denn die Beschaffenheit unseres Herzens übt einen größeren Einfluß aus als unsere Worte.

Der, der im Kaleidoskop im Panoptikum von Kopenhagen hinaufgestiegen ist, ist von allen Seiten von Menschen umgeben. Aber das sind nur reflektierte Bilder, die durch Spiegel hervorgerufen werden, und die große Gesellschaft hat ihr Interesse verloren, wenn man die endlose Spiegelung seiner selbst entdeckt. Die Person, die hinaufgestiegen ist, wird bis in die Unendlichkeit vervielfältigt. Und je mehr Einfluß wir haben, desto größer wird die Vielfalt und Ausdehnung der Geschöpfe, die unser Leben hervorbringt. Wenn das Naturgesetz und Leidenschaften von den Eltern zu den Kindern überführt werden, so müssen auch die menschlichen Werkzeuge für Gottes Offenbarung in der Welt von großer Bedeutung sein. Wenn die Gemeinde besser ihrer Aufgabe, eine geistliche Mutter zu sein, entspräche, würde vielen Abfällen und äußerlichen Bekehrungen vorgebeugt werden. "Wie die Mutter, so die Tochter." Und niemand lebt für sich selbst.

So sind wir vor unseren Mitmenschen nicht nur für unsere Worte und Handlungen verantwortlich, sondern auch insbesondere für den Geist, der uns beseelt. Manche Seele würde einen Reinigungsprozeß gebrauchen, der durch Mark und Bein geht. Und Gott gebe, daß dies bald geschehen möge! Mein Freund, wie ist es mit dir?

4. Die Braut des Lammes hat durch das Leben, das sie lebt, einen fürstlichen Geist

Die Natur herrscht durch Leben. Dessen lautloser Triumph ist eine Äußerung der schöpferischen Kraft. Wenn du den Stamm des Baumes verletzt, gießt er Balsam in die Wunde und tröstet gleichsam mit untergebenem Weinen. Die Blumen des Sommers welken, um das Leben einer anderen Pflanze zu entwickeln und sich selbst wiederherzustellen.

Das wahre Christentum ist Leben. Und dieses Leben ist in Gottes Sohn. Er gab Sein Leben in den Tod, damit wir Leben die Fülle haben (Joh. 10); und als das göttliche Leben durch das gebrochene Herz des Menschensohnes hervorbrach, begann die Wiedergeburt der Welt. - - Selig sind die, die geboren sind, nicht aus sittlicher Kraft oder menschlichem Einfluß, sondern aus Gott. "Ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit."

Durch die neue Geburt sind wir in ein Verwandtschaftsverhältnis mit dem Himmlischen gekommen, und die himmlische Welt ist nicht fremd für uns. "Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir die Dinge kennen, die uns von Gott geschenkt sind." Während der Weltmensch das Vergängliche sucht, darf ich mit Christus im Himmlischen leben und durch endlose Herrlichkeiten verwandelt werden, die ich jetzt erst teilweise begreifen kann. Und wie dick auch die Schatten der Erde fallen, wird doch der Thron der Gnade nie vernebelt, wo der Herr selbst über uns mit der Sehnsucht der Liebe thront. Wenn Er auf uns herabschaut, sind wir Sein in anbetender Liebe. Das Leben ist Christus. Unsere Lust ist der Umgang mit Ihm. Unsere einzige Leidenschaft ist Jesu Liebe. Unser Lebensziel ist, Ihn zu gewinnen. Gelobt sei Er!

Das Glaubensleben kann nicht durch ausgesuchte Ideale genährt werden, sondern nur vom Leben selbst, und es kann sich nur selbst erklären, denn es ist "verborgen mit Christus in Gott", und "die Welt kennt uns nicht". Dieses Lebens sind alle Gotteskinder teilhaftig, obwohl wir das Leben nicht mehr kennen, als wir es selbst leben. Denn "das Leben ist das Licht der Menschen", und nicht nur das Wissen darüber.

O, daß wir doch eine kräftigere Korrespondenz mit der himmlischen Welt hätten und so völlig dem Herrn ergeben wären, daß sich Christi Leben in unserem sterblichen Fleisch offenbaren würde! Die Welt würde dann keine Macht mehr über uns haben.

Sollten wir, die wir dazu berufen sind, im Leben zu herrschen, uns voranschleichen wie entwaffnete Krieger und die Welt für unser Bekenntnis des christlichen Glaubens um Entschuldigung bitten? Das sei ferne! Sicherlich sind die Täler unseres Landes mit Eisenwagen besetzt, aber der Siegesfürst wohnt in uns, und noch einmal wird der Ruf erschallen: "So werden viel mehr die, welche die Überschwenglichkeit der Gnade und der Gabe in Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den einen, Jesus Christus." (Röm. 5,17). Viel mehr! Viel mehr!

"Viel mehr!" ist der Heeresruf der Gläubigen. Die Waffen der Gemeinde gegen den Teufel sind nicht "Ströme der Musik", sondern Ströme des Lebens. Sie verschwindet nicht in Ermangelung der Predigt des Wortes und hat genügend viele Prediger, aber sowohl sie selbst als auch ihre Diener verraten einen schreienden Bedarf an Leben.

Laßt uns darum zu großen Empfängern am Thron der Gnade werden und Achtung für Gottes Evangelium bei einer nach Seligkeit dürstenden Welt gewinnen.

EIN FÜRSTLICHER CHARAKTER

Die Kinderseele kann voll von guten Vorsätzen sein, aber dennoch entarten, wenn sie nicht von einer guten Erziehung unterstützt wird. Aber nicht einmal diese wäre genug. Die Seele muß von einer würdigen Person, die das Vertrauen des Kindes gewonnen hat und diesem entspricht, neue Impulse empfangen.

Auch wir müssen Gegenstand der Erziehung des Heiligen Geistes sein. Der, der glaubt, in einem Augenblick vollkommen zu sein, betrügt sich selbst. Die unzählig vielen Mängel, die einer menschlichen Natur anhaften, zwingen uns unter das Gesetz für die Entwicklung des neuen Lebens. Und das hohe Ziel, zu dem Gott uns berufen hat, sollte einen Christen zu heiliger Übergabe an den Herrn mahnen.

Der, der eine unbegrenzte Geduld und eine gezügelte Zunge hat, geht siegend durch die Welt. Aber es ist nicht so einfach für den, der "befehlend" gewesen ist, untergeben zu werden, und wie schwer hat es doch der, der seine Zunge kultiviert hat, die Sprache des Kreuzes zu lernen; und wie beharrlich kämpft das neue Leben gegen all diese Eigenschaften, die allzu menschlich sind, um von einem besseren Vorsatz verborgen zu werden! Wenn der Geist Gottes diese das ganze Leben umfassende Erlösung durchführen will, hat Er unzählig viele Hindernisse zu bekämpfen, und die Seele wird zum Bewußtsein festgewurzelter Gewohnheiten gebracht, was sie zum Kampf für die Erlösung des Lebens treibt.

Da gilt es für einen Kriegsmann Jesu Christi, sattelfest zu sein. Es ist genug, einen kräftigen Geist zu haben. Hier muß die Handlung dem Beschluß folgen und der Mensch Erfahrung fürs Leben durch Übung in wahrer Göttlichkeit gewinnen. Denn sogar der, der es gut meint, kann durch seinen Unverstand großen Schaden anrichten, und der, der vor Eifer glüht und innerlich zeugt, kann in seiner Umgangsweise Fehler machen, wie der Soldat nicht immer derselbe im Feld ist wie bei den Manöverübungen.

Wer hat nicht durch Fehler lernen müssen? Wer ist nicht durch die Züchtigung des Geistes so gedemütigt worden, daß er sogar sich selbst verabscheut? Und dennoch ist man während dieser Zeiten geschickt gemacht worden, Gott auf göttliche Weise zu dienen. Der Herr weiß unter den Zeiten der Züchtigung unsere Herzen durch Seine Liebe an Sich zu binden, so daß unsere Liebe zu Ihm unserer Absonderung entspricht.

Daher können wir niemals genug das Gewicht davon, Gott ergeben zu sein, betonen, damit wir nicht durch Eigenarbeit unter die Werke des Gesetzes kommen, denn Gott ist der, der in uns sowohl das Wollen als auch das Vollbringen schafft, damit Sein guter Wille geschehen kann (Phil. 2,13), und unser Kampf, Vollkommenheit zu gewinnen, muß ein Kampf des Glaubens sein, ein Aneignen dessen, was wir schon besitzen. Diese Lehre von der Heiligung durch den Glauben ist genauso deutlich in der Heiligen Schrift dargestellt wie die Rechtfertigung durch den Glauben. Aber die Heiligung ist ein fortschreitendes und mit heiliger Übergabe vereintes Werk, während die Rechtfertigung eine abgeschlossene Handlung ist.

Daher werden wir immer bei denen, die geheiligt sind, ein Vorwärtsgehen finden, das von ungeheuchelter Demut und bescheidenem Ernst geprägt ist. Und der kleinste Grund, mit einem gottesfürchtigen Mann zu spaßen, wird nach und nach spurlos verschwinden.

Durch Seine Offenbarung als König für uns will Er uns mit einem fürstlichen Geist bekleiden, aber auch Seine Auserwählten zu einem fürstlichen Charakter vervollkommnen. Wir werden mit einigen Beispielen, die der alten biblischen Zeit entliehen sind, zeigen, auf welche Weise und zu welchem Zweck Gottesmänner Fürsten wurden.

Wir werden zuerst den fürstlichen Geist beim PATRIARCHEN JAKOB betrachten. Hätte er nicht ein prächtiger Geschäftsmann werden können, der verschlagene Jakob? Und dennoch war er zum Fürsten erkoren worden. Daher ging sein Weg geradewegs gegen die Natur. Ein anderer ergriff ihn und führte ihn dorthin, wohin er nicht wollte.

Von der denkwürdigen Nacht in Beer-Sebas Wüste an hatte Jakob mit Gott in Berührung gestanden, um gemäß Seiner Verheißung gesegnet zu werden (1. Mose 28). Gott segnete ihn so, daß er mit großem Besitz wieder zurückkam; aber da kam ein entscheidender Zeitpunkt in Jakobs Leben. Der Patriarch, der seinen Bruder Esau fürchtete, war beiseite gegangen, um den Namen des Herrn anzurufen. Da kam Er, der mit ihm auf der Reise gewesen war, die hohe Persönlichkeit, deren teuren Segen Jakob höher als Seinen Willen schätzte. Während des Kampfes um Mitternacht am Jabbok berührte Gott sein inneres Wesen.

Welch eine entscheidende Stunde im Leben eines Menschen, wenn er die göttliche Berührung fühlt. Zerbrochen kämpfte Jakob und sagte: "Ich lasse dich nicht los, es sei denn, du hast mich vorher gesegnet." Und Gott segnete ihn dort, nachdem der Patriarch doch erkannt hatte, daß er die verabscheuungswürdige Person war, die unter dem Namen Jakob ging. Er sagte: "Nicht mehr Jakob soll dein Name heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gesiegt." Und die Sonne ging für ihn auf. Herrlicher Tag!

Aber das folgende Kapitel, das eine oft wiederholte Erfahrung beinhaltet, zeigt, wie wenig Jakob die Worte des Herrn verstanden hatte und wie wenig er seinem Gott vertraute. Daher konnte er noch nicht seine hohe Stellung verwirklichen und mußte wegen der Schwachheit seiner Natur ein viele Jahre langes Leiden durchmachen. Erst als sich der Herr das zweite Mal bei Bethel offenbart, gewinnt Jakob einen fürstlichen Geist. Dazwischen ist jedoch eine Zeit der großen Niederlagen und bitteren Sorgen verronnen.

Die ersten Eindrücke von einem Mann, der von seinem "Peniel" herausgeht, sind fast unauslöschlich. Wir können mit Grund hoffen, daß der, der "Gott von Angesicht zu Angesicht geschaut" hat, "voll heiligen Geistes und Glaubens" sein wird. Und dennoch werden, wenn auch schwache, Äußerungen der alten Natur bei einem jeden hervortreten, der nicht mit Furcht und Zittern an seiner eigenen Erlösung arbeitet. Der, der unter Tränen bat: "Ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich denn." ist unwürdig, seinen neuen Namen zu tragen, solange er auf menschliche Weise wandelt. Es ist auch leicht, sich gegen sein Vertrauen zu vergehen, aber schwerer, es aufzurichten.

Aber was ist der Grund dafür, daß die, die ihr Leben dem Herrn geheiligt haben, dennoch niemals zu einem vollständigen Sieg kommen oder so wankelmütig in ihrem Glauben sind? Können wir die Ursachen nicht in Jakobs Erfahrung aufspüren?

1. Die Demütigung war nicht vollständig. Nach dem Mitternachtskampf am Jabbok zeigte Jakob deutlich, daß er lebte, wenn auch geschwächt.

Meine Geliebten! Laß mich dich an heilige Stunden erinnern, als du wie ein Wurm unter der Züchtigung des Herrn riefst: "Zu gering, zu gering!" Haben diese heiligen Stunden eine durchgreifende Wirkung gehabt, so daß du im Staub liegst und vernichtet wirst, während Gott sich offenbart? Vielleicht wird der Eindruck Seiner Gegenwart von einem Selbstbewußtsein ausgelöscht, wenn die Sonne für deine Seele aufgegangen ist. Du hast dein Glück genossen, aber stolpertest und fielst. Und wo bist du jetzt?

Solange du "zu gering" warst, ruhte Gottes Geist über dir, und du zerbrachst andere durch Einfluß ohne Worte. Das Werkzeug, das der Herr gebrauchte, um die Granithöhen des Herzens auszugleichen, war ein "Jakobswurm". Aber da warst du selbst von Gottes Gegenwart durchdrungen, und es war so schön, in deine Nähe zu kommen und in deiner Umgebung auszuruhen, die den Eindruck deines Geistes trug. Nun bist du so von dir selbst in Anspruch genommen, daß Gottes Geist flieht, und dein Selbstbewußtsein kann ein dekorierter Saal für sieben unreine Geister werden. Denn der Hochmutsteufel kommt mit einem Gefolge an Eitelkeit, Eigenliebe, Ehrsucht, Freundschaftsgefallen, Stolz, Neid und Verzweiflung. Du kannst nicht der Fürst des Herrn sein.

2. Ein zweites Hindernis für den fürstlichen Geist bei Jakob war die fehlende Demut. Um einen fürstlichen Geist zu haben, muß die Seele nicht nur zerbrochen, sondern auch demütig sein. "Ich wohne bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist, um zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerschlagenen." Diese Demut bedeutet Gehorsam.

O, wieviele sind zerschlagen worden, ohne göttliche Berührung zu offenbaren. Sie sind im entscheidenden Augenblick in der Zucht, die unsere Erlösung vom Selbstleben beabsichtigt, stehengeblieben und haben niemals ihren eigen Willen aufgegeben. Obwohl an dem Punkt, an dem sie zuvor stark waren wie Ansehen, Begabung, Erfolg in der Missionsarbeit usw., zerschlagen, sind sie soweit von der wahren Demut entfernt, daß sie sich quälen, weil sie wollen, aber nicht können, was sie wollen. Die Tränen auf ihren Wangen kommen aus einem Herzen, das unter der Demütigung, nichts zu sein, zerbrechen kann. Wir sind zerschlagen, aber seufzen vor dem Herrn: "Ach, wenn ich nur könnte!" Viele, insbesondere die Jungen, sind in der entscheidenden Stunde zum Aufruhr gegen den Herrn versucht worden, als der Teufel geflüstert hat: "Verfluche Gott und stirb!" O, nun gilt es, sich am Herrn festzuklammern und zu sagen: "Ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich!"

Ich glaube, daß viele tausend Seelen den Herrn genau an diesem Punkt, der die Übergabe des Willens berührt, im Stich gelassen haben und daher niemals zu einer dauerhaften Ruhe und Freude im Herrn gekommen sind. Eine göttliche Berührung offenbart sich durch Gehorsam Gott gegenüber. Und Gehorsam Gott gegenüber ist die Frucht der wahren Demut.

Es war ein Fehler (um nicht zu sagen Ungehorsam), bei Sichem stehen zu bleiben und, verzaubert durch die irdischen Vorteile, die Familie den Lockungen der Welt auszusetzen. Sein Gott war der Gott Bethels, aber Jakob schien sein Versprechen vergessen zu haben und mußte daher wiederum die Früchte seines eigenen Lebens ernten. Wo die Demütigung nicht ihre beabsichtigte Wirkung hat, ist unser Gehorsam so unvollkommen, daß wir nicht einmal die Umgebung retten können. Das Salz verliert seine Würze, und wir sind gezwungen, eine verlorene Aufgabe zu beweinen und zu sagen: "Ich und mein Haus werden vergehen!"

3. Das dritte Hindernis war ein wankelmütiger Glaube.

Warum sterben so viele trotz ihres ernsten Strebens außerhalb des Gelobten Landes? Die Seele muß ihre neue Stellung durch den Glauben einnehmen. Ein wankelmütiger Glaube ist halber Gehorsam.

Wenn Jakob den Worten des Herrn geglaubt und danach gehandelt hätte, wäre er manchen Schwierigkeiten entgangen, die noch Mittel in der Hand Gottes sein durften, aber nicht unbedingt notwendig waren. Doch will der Herr den Reichtum Seiner Herrlichkeit an Seinen Auserwählten offenbaren. Und siehe, wie gnädig der Herr mit Seinen Dienern zuwege geht! Zuerst kommt Er bei Sichem zu Seinem Auserwählten und belebt seine Erinnerung an das vernachlässigte Bethel. Das setzte Jakobs Herz in Brand. Am gleichen Tag befahl er seinem Volk, sich zu reinigen, und vergrub so viele Abgötter, wie er bei ihnen finden konnte.

4. Nun tritt der fürstliche Geist bei Jakob hervor.

Er, der geklagt hatte: "Wir werden sterben!", hatte eine solche Macht über die Menschen, daß "ein Erschrecken von Gott über die umherliegenden Städte kam". Die Völker zitterten angesichts seiner Siegeszüge, und die Trauerweiden winkten wie Siegespalmen, als der Morgen dämmerte und der Herr sagte: "Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel sollst du heißen." (1. Mose 35, 10). Da bekam Jakob eine fürstliche Würde und gewann mit der Zeit eine solche Achtung bei den Völkern, daß Könige sich in Ehrfurcht unter seine Hände beugten, um den Segen zu empfangen.

Aber die späteren Jahre, die Reife des Herbstes, waren eine Zeit des Leidens und des Kummers. Als Jakob auf die verflogenen Jahre zurückschaut, sagt er: "Wenig und böse waren die Tage meiner Lebensjahre." (1. Mose 47).

Eine andere Seite des fürstlichen Geistes finden wir bei ABRAHAM, GOTTES FREUND. Der, der ein Ziel hat, jagt diesem nach. Um vervollkommnet zu werden, muß die Seele vollkommen sein (Phil. 3). Derjenige, der ein geteiltes Herz hat, wird mit dem Mond verglichen, wenn die eine Hälfte hell und die andere dunkel ist. Wenn die Seele trotzdem zur geistlichen Befreiung schreitet, kann sie zum Schluß ganz und gar hell werden. Aber wenn die Sünde und die Welt die Überhand gewinnen, wird die Seele völlig dunkel.

Abrahams Tag war im beständigen Aufgehen begriffen. Der Herr sagte ihm: "Wandele vor mir und sei vollkommen." Und er wurde vervollkommnet, indem er ein ungeteilter Wille und ein Herz für seinen Gott war.

1. Willst du Ihm auf Seinem Weg durch das Leben folgen, mußt du vor Gott wandeln. Die Seele muß einen Herrn und ein Ziel für ihre Tätigkeit haben. Der, der meine Liebe gewonnen hat, ist der Gegenstand für mich.

Unter dem Einfluß geheiligter Männer zu stehen, wie es Lot tat, im Schatten von auserwählten Charaktären zu wandeln, kann von großer Bedeutung sein. Es kann sich jedoch ein wesentlicher Unterschied zwischen den Eindrücken, die wir von Menschen bekommen, und denen, die der Mensch von Gott bekommt, befinden. Wie der Bach seinen Ursprung verliert, je länger er fließt, so kann die schönste Erfahrung verlieren, wenn sie von Mensch zu Mensch geht. Das bräuchte nicht so zu sein, aber ist dennoch oft so. Und derjenige ist gewöhnlich wahrer, der treu solche Eindrücke, die er allein vom Herrn bekommen hat, erwirbt.

Wie die Steine im Bach durch Reibung aneinander abgerundet werden, so werden die kleinen Eigenheiten, die uns anhaften, durch die Berührung mit anderen geebnet, und der Mensch muß Lebensweisheit durch den Menschen lernen. Der Umgang der Gläubigen untereinander ist doch von noch größerer Bedeutung, und nur wenn wir unsere Mitverantwortlichkeit als Glieder an einem Leib kennen, können wir "in allem hinwachsen zu ihm, der das Haupt ist, Christus." Aber die Lebensquelle muß Gott selbst sein und darf niemals vom Staub der Welt getrübt werden; und was sicher ist, wir müssen die Urteile anderer hinter uns lassen, um in Edelmut und christlichen Tugenden entwickelt zu werden.

Was wir da vor Menschen zu sein scheinen, bedeutet wenig. Wir suchen nicht den Beifall der Menschen, und ein treuer Diener freut sich nicht über die Größe der Arbeit, sondern über deren Ziel. Das Ziel eines Christen ist nicht, große Dinge zu verrichten. Sein Ziel ist, den Herren groß zu machen.

2. Der Glaube wird durch das Wissen um seinen Gegenstand vervollkommnet.

Es war das Wissen um den Geber der Verheißung, das Abraham stark im Glauben machte. Er hielt den für treu, der die Verheißungen geschenkt hatte, und durch diesen Glauben wurde er zum Erben der Verheißungen. Sein Glaube ruhte nicht auf äußeren Umständen und Verhältnissen, und er machte sich keine Sorgen, wie oder auf welche Weise der Herr Seine Verheißungen erfüllen würde. Der Gegenstand des Glaubens ist der Herr. Und Er ist immer mehr als das, was Er verheißen hat.

Der Glaube braucht niemals große Voraussetzungen. Mit einem Stab in der Hand ging der Diener des Herrn, Mose, um einen Feind zu vernichten, gegen welchen die Kinder dieser Welt ihre besten Armeen aufgestellt hätten. Mit einer Schleuder und einigen Steinen in seiner Hirtentasche ging David auf den Riesen Goliath los. Ebenso bekam Sarah durch den Glauben Kraft, Stammutter eines Abkömmlings zu werden, weil sie den für treu hielt, der die Verheißung gegeben hatte. "Deshalb sind auch von einem, und zwar Gestorbenen, so viele geboren worden wie die Sterne des Himmels an Menge." (Hebr. 11,12). Er hat niemals einen lebendigen Glauben betrogen. Der auf den Herrn hofft, wird niemals zuschanden. Er entspricht dem Vertrauen, das wir Ihm schenken.

Vertraue Ihm! Seine Macht ist unbegrenzt. Wie die Strandwelle die Reichtümer des Meeres hinaufwirft, so werden die Schwierigkeiten dazu beitragen, die Reichtümer der Verheißung dir zugänglich zu machen. Wo alle Hoffnung aus ist, will Er den Reichtum Seiner Gnade so herrlich offenbaren, daß dieser "wie der Sand am Rande des Meeres" sei. Und wie treu ist doch der Herr gewesen! Es gibt keinen Grund, an Ihm zu zweifeln. Aber unsere Schwachheit ist, teilweise an Gott zu glauben und teilweise an etwas anderes. Du kannst nicht an Gott glauben, solange du noch etwas anderes hast, an das du glaubst.

Der, der neue Schöpfungen hervorbringen will, muß sich selbst sterben. Ein Sohn der Verheißung kann niemals geboren werden, solange wir auf uns selbst das Vertrauen setzen. Der, der seine Begabung dem Herrn geheiligt hat, kann sogar so arm werden, daß er keine Begabung mehr hat. Der Mensch wird in der Schule des Geistes zerschlagen. Ein Paulus, der Hochgelehrte, kann nichts aus sich selbst denken (2. Kor. 2).

Aber niemals läßt Gott Seine Kinder in einer Wüste ohne Brunnen verschmachten. Elias Gott weiß, wo Er Seine Raben hat, und diese brauchen keine andere Dressur als Seinen Befehl. Der Ruf des Herrn: "Nimm hervor!" ist untrennbar mit einem Entkleiden vereint. Den der Herr hoch begnaden will, läßt Er die eigene Armut verspüren. Die Armut ist das Mittel für Seine Offenbarung, genau wie die Hungersnot Josef offenbarte. Das Leben Christi beginnt, wo das Selbstleben aufhört. Der Glaube ist bei dir vervollkommnet, wenn du dem Herrn allein vertraust. Abraham wurde stark im Glauben in dem Maße, wie alle Voraussetzungen zerschlagen wurden. Er glaubte, wo es keine Hoffnung gab.

3. Der Morgenstern ging in seinem Herzen auf.

Die Schatten fliehen, je näher wir dem Licht kommen. Sicherlich hatte er die irdische Gestalt seiner Hoffnung verloren, aber er sah den Tag des Menschensohnes und wurde froh (Joh. 8,55). Weil der Geber der Verheißung selbst ihm lieb geworden war, konnte er den Sohn der Verheißung herbeibringen und Gottes Erbe werden. Bei den Prüfungen Abrahams stimmen die Engel der Verheißung ihre Harfen, auf dem Berge Moria singen sie unsterbliche Lieder für einen treuen Gott. Über den Höhepunkt des Leidens fließt das Licht der Herrlichkeit der zukünftigen Welt. Ein Freund Gottes wird auf der Opferhöhe gekrönt.

Der, der den Weg des Glaubens geht, möge Abraham, nicht aber Jakob, zum Vorbild wählen. Beide sind durch Leiden zur Herrlichkeit gegangen, aber bezüglich der Art und Weise gab es einen himmelweiten Unterschied. Jakobs Leiden war "menschlich", weil er sich selbst im Menschlichen bewegte. Aber der Herr begegnete ihm auf dem menschlichen Gebiet und erhob seine Seele zum Unvergänglichen. Wie satt er zu sein scheint auf der Welt, als er Pharao besucht (1. Mose 47,9).

Abrahams Leiden war geistlicher Natur und hatte außerordentlich hohe Absichten. Als der Glaube bei Abraham vervollkommnet war, opferte er den Segen für den Segnenden und fand beide in ihm. Jakobs Weg war dornenbestreut, und das Leid häufte sich immer höher über ihn. Die Sonne stieg in Abrahams Leben immer höher, je dichter die Schatten der Erde fielen. Jakob war voller Argwohn und glaubte, daß seine Söhne ihn betrügen würden. Abraham bekam allezeit Besuch von göttlichen Gästen. "Denn er meinte, daß Gott mächtig wäre." (Hebr. 11).

Er stellte Jakob auf den Kopf, das Gefäß Seiner Barmherzigkeit, schlug aber den Boden aus Abrahams leerem Gefäß heraus. Für Jakob war es ein langsames Leiden, sich selbst zu sterben. Abraham dagegen schien von keiner Demütigung zu wissen, denn er war, was er bekannte, Staub.

4. Er wurde durch den Glauben zum Erben der Welt.

Es kann von ihm gesagt werden, daß er die Welt gewann, indem er auf sie verzichtete. Mit der Untergebenheit, die für einen demütigen Geist bezeichnend ist, sagte er seinem Neffen: "Ist nicht das ganze Land vor dir? --- willst du nach links, dann gehe ich nach rechts, und willst du nach rechts, dann gehe ich nach links." Aber kaum hatte er es geschafft, auf sein Recht als Erbe der Welt zu verzichten, als Gott ihm befahl, die Meßschnur über das ganze Land zu ziehen, sagend: "Dir will ich es geben." (1. Mose 13). Sein edelmütiger Verzicht auf den Lohn, den der König von Sodom ihm geben wollte, scheint eine neue Offenbarung von seinem Erbe in Gott zu veranlassen (1. Mose 14,21-24. 15,1). Dies ist der Königsweg für den Sohn Abrahams. Ein demütiger Geist ist immer siegreich.

Ein stiller, untergebener Geist kann sein Erbe in Gott entgegennehmen, aber nicht der, der um Seiner Verheißungen willen anspruchsvoll ist. Ohne göttliche Natur kann man nicht die Fülle der Verheißungen bekommen, denn die Seele muß den Sinn des Geistes haben, um den Geist zu kennen. Es ist unnütz, seine Hände in Unschuld zu waschen, solange der Neid im Herzen herrscht (2. Petr. 1,4; Ps. 73).

Aber laßt uns zum Bild des Charakters zurückkehren. Jakob gelang es, sich durch beharrliche Arbeit zu vervollkommnen, aber war dessen ungeachtet selten glücklich. Abraham dagegen, der über alles irdische Streben erhaben war, hatte keine Sorge und nahm niemals von einem Menschen Lohn an. Und dennoch wurde er reich. Fast überall war Jakob solchen Personen ausgesetzt, die ihn betrügen wollten, und er war oft von Sorgen und Spannungen im Heim niedergedrückt. So ging das für einen Mann, der fast das ganze Leben für sich selbst ruderte. Aber der Freund Gottes hatte selten Unannehmlichkeiten mit einem Menschen, und Gott führte seine Rede gegenüber allen, die ihn beleidigen hätten können. Liebliche Zuflucht, mit allen zum Herrn zu gehen, die uns beleidigen! Der Pfarrer, der auf seine Knie fiel, nachdem er die Vorladung erhalten hatte, und bat: "Ich lade meine Widersacher zu deinem Gericht vor.", hatte sie bereits besiegt. Liebliche Ruhe, die eigene Selbstverteidigung nicht anzurühren, sondern den Herrn gegen unsere Feinde streiten zu lassen!

An Jakob sehen wir, daß unsere Macht über die Menschen im Verhältnis zu unserem Einfluß bei Gott steht; an Abraham, daß seine Freundschaft mit Gott zur Rettung für Menschen wurde. Wie geborgen kann doch der sein, der in der Hand des Allmächtigen ruht! Abraham ging den verborgenen Weg der Treue und hatte alle seine Quellen in Gott. Darum hat sich Gott ihm geoffenbart und ihm einen Namen gegeben, den niemand anders kennt als der, der ihn bekommt. Die Welt sah sein erhabenes Leben, konnte aber dessen verborgene Gründe nicht begreifen, auch nicht dessen Freude und Hoffnungen. An der Bahre Sarahs sprach er tief gerührt zu den Hethitern: "Ein Fremder und Gast bin ich bei euch. Gebt mir ein Erbbegräbnis bei euch!" Sie schienen so tief vom Leben des gottesfürchtigen Mannes ergriffen zu sein, daß sie fast ihr Leben für ihn hätten opfern können. "Wenn mir jemand dient, so wird der Vater ihn ehren", sagt Jesus. "Hör uns an, mein Herr", antworteten die Söhne Heths, "du bist ein Fürst Gottes unter uns, begrabe deine Tote in dem auserlesesten unserer Gräber." (1. Mose 23).

Welche Anerkennung! Sein Los auf Erden war sehr gering, aber er verließ die Welt als ein Fürst. Als er auf den Wagen des Königs stieg, stand die Umgebung mit entblößtem Haupt da, um ihm ihre Ehrfurcht zu bezeugen: Denn du bist ein Fürst Gottes unter uns. Es ist von größerem Wert, einen solchen Eindruck hinter sich zu lassen, als zu Lebzeiten ein hervorragender Kommunalpolitiker gewesen zu sein. Der, der die Jordanebene wählte, mußte, als sich der Tag mit Feuer offenbarte, nackt aus Sodom fliehen. Sein Leben war verloren.

5. Duch den Glauben hatte Abraham in das Heimatland der Treuen schauen dürfen. Die Hoffnung von der Herrlichkeit Gottes hatte auch ihn zu einem Gast und Fremden auf Erden gemacht. Er hielt nach der Stadt Ausschau, die feste Grundfesten hat, und das Gegenwärtige lag unter seinen Füßen. Für einen solchen Mann war es nicht schwer, die Welt zu verlassen. Er hatte sich mit einem besseren Land vertraut gemacht und sehnte sich nach Hause.

Sind wir Gäste und Fremde? Wir werden dann immer mehr unsere Fremdheit spüren. Es ist nicht immer so angenehm, sich im Ausland aufzuhalten, wie man sich am Anfang gedacht hatte. Es gibt sicherlich vieles, was das Auge blendet. Und viele interessante Gegenstände, die für uns ganz neu sind, erregen unsere Bewunderung. Aber wir sind den Sitten und Bräuchen des Landes fremd, und als Ausländer versteht uns keiner. "Denn die Welt kennt uns nicht." Die umgebende Natur kann schön sein und das fremde Land viele Vorteile anbieten, aber wir haben so wenig Bekannte und fühlen uns einsam in der Welt.

Mehr und mehr verliert die Welt ihr Gefallen für uns, denn uns fehlen die Gegenstände für unsere Liebe, und hin und wieder gehen wir hinunter zum Meeresstrand, um die Schiffe zu betrachten und an die Heimat in der blauen Ferne zu denken. Die Klänge der Dampfpfeife beim Auslaufen der Boote, Abschiede und Winken am Strand rühren unsere Sinne auf. Wir werden von Heimweh verzehrt. Abraham weinte (1. Mose 23,1).

Wir beglückwünschen die, die über den Todesfluß nach Kanaan gegangen sind. Die Schar an den Stränden des Glasmeeres wächst. Wie die Schwalbe auf der Telefonleitung sehnt sich meine Seele nach dem Ruf ins Heimatland.

6. Sein Übergang in die andere Welt muß hell gewesen sein.

Welche Anordnungen muß der Herr vorgenommen haben, um seinen Freund willkommen zu heißen. Aber davon wußten die Kinder des Auslandes nichts.

Ein alter Christ gleicht oft den alten Silbermünzen, denen es so schlecht ergangen ist, daß die Inschriften fast verschwunden sind. Das Gedächtnis ist schwach, der Gedanke hat seine Schärfe verloren, die Hände zittern, die Hütte des Leibes lehnt am Tode. Aber wie die Silbermünze hat er doch seinen vollen Wert, wenn er im Glauben steht, und bald wird er in der himmlischen Bank eingetauscht werden.

In den Augen anderer kann er fast unkenntlich sein. Aber der Herr kennt die Seinen. Und derjenige, der es versteht, die feinen Saiten anzuschlagen, wird aus seinem Herzen eine Musik hervorlocken, die zeigt, daß er nicht aus Blei ist.

Eine dritte Seite des fürstlichen Geistes finden wir bei JOSEF, DEM BRUDERFÜRSTEN. Er träumte ständig vom Sieg, dieser Mann, der vorausbestimmt war, durch seine Menschenliebe das Volk zu retten. Aber nur durch Leiden und Schmerz konnte der Traum verwirklicht werden.

Bevor Josef seinen alten Vater mit der glänzenden Equipage des Hofes holen konnte, mußte er, getrennt vom geliebten Heim, auf einem Kamelrücken in ein fremdes Land gebracht werden. Wie mußte er dort leiden und über das ganze Land hinweg verleumdet werden, bevor die Zeit des Herrn, ihn zu erhöhen, gekommen war! Und die Herrlichkeit in seiner Erhöhung entsprach der Tiefe seiner Erniedrigung. Dieser Mann, den Pharao mit dem Ruf "Fallt auf die Knie!" auf seinen Wagen setzte, war vor einigen Jahren auf der Gefangenenkarre transportiert worden und hatte Gefängnistüren hinter seinem Rücken zuschlagen hören. Diese Hebräer, die vor ihm auf ihren Angesichtern liegen, hatten ihn mißhandelt und ihn als Sklave verkauft. Er selbst hatte unter ihrer Mißhandlung geweint, genauso laut, wie sie an seinem Hals weinen. Nun ist es seine Zeit, sich zu erbarmen.

Welch' eine Lehre bietet ein Vergleich zwischen Josef und seinem alten Vater an! Josef war ein Mann der Schmerzen wie Jakob, aber unter ganz anderen Absichten und Umständen. Jakob litt hauptsächlich aufgrund eigener Schuld, Josef dagegen litt für andere. Jakob mußte wegen seiner eigenen List entsprechenden Kummer ernten, gemäß des Gesetzes: "Was der Mensch sät, das wird er auch ernten." Mit einem Ziegenfell betrog er seinen alten Vater, mit dem Blut eines Zickleins wurde er von seinen eigenen Söhnen betrogen. Und so mußte Jakob fast alles, was er gesät hatte, ernten. Josef dagegen gewann durch seine Erniedrigung eine entsprechende Erhöhung. Denn er litt wegen der Auserwählung und für andere.

Diese Leidensgeschichte wiederholt sich bis heute bei denen, die der Herr zu Bruderfürsten auserwählt.

1. Ein Bruderfürst kann niemals so leicht wie möglich durch die Welt gehen.

Es gibt kein Chloroform in der Apotheke des Geistes für solchen Schmerz. Der, den der Herr dazu auserwählen will, andere zu trösten, muß selbst wissen, was es heißt zu leiden. Das ist das Geheimnis. Wir müssen die Qual des Todes bis dahin verspüren, daß wir rufen: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Aber der Tod würde weniger spürbar sein, wenn nicht der Teufel und unsere Eigenen uns durchbohren würden.

2. Mit Füßen getreten, um danach Macht vom Thron der Liebe auszuüben.

Von der Schule, die beabsichtigt, Männer nach Gottes Herzen auszubilden, sind sowohl Doeg als auch Ahitofel untrennbar (Ps. 32, Ps. 55). Während wir zu geheiligter Freundschaft ausgewählt werden, müssen wir einen Judas haben. Waren es nicht Hiobs Freunde, die sein Leiden so bitter machten, als er ausrief: "Ihr habt mich zerschmettert"! Und dennoch haben sie so große Verdienste beim Aufbau seines Charakters gehabt, daß Hiob niemals das geworden wäre, was er wurde, wenn nicht seine Freunde den Stolz der Freundschaft und des Einflusses zerschlagen hätten.

Welches Wiedersehen am Thron der Liebe! Es ist ein himmelgroßer Unterschied zwischen den Freunden, die die Not erzeugt hat, und den Freunden, die der Erfolg an uns verschwendet. Nur die Not kann die wahre Freundschaft offenbaren, und ein Christ sollte froh sein, wenn auch das Herz blutet, wenn der Verrätergeist ausgetrieben wird. Wie sich der Erntearbeiter über die Flucht der Spreu freut, so sollte ein Christ Gott für die Freunde danken, die gehen, denn sie waren nicht seine Freunde. Und je länger wir leben, desto mehr verspüren wir den Bedarf an etwas Wirklichem und legen weniger Gewicht auf Lächeln oder Tränen. Der Schein trügt.

Aber sie kommen vielleicht wieder? Bruder, sie werden kommen, eine Karawane sogar vom Hause deiner Kindheit an. Und wenn sie kommen, laß sie am Halse des Bruders ausweinen.

3. Zerschlagen, um zu heilen. Das Leben, das andere nähren soll, muß durch den Tod gehen und zu Staub gemahlen werden, wie der Weizen zwischen den Mühlsteinen zerdrückt wird. Christi Leiden wiederholt sich noch heute bei denen, die einen stellvertretenden Platz eingenommen haben und deren Leben mit Ihm, dem Mann der Schmerzen, zusammen- gefügt ist. "Folglich wirkt der Tod in uns, das Leben aber in euch."

Der, der niemals durch Leid gebrochen worden ist, ist kein Bruderfürst in der Not. Ihm fehlt das Mutterherz und die Feinfühligkeit, die kranke, leidende, schwache, lebensmüde, mißverstandene und einsame Herzen benötigen. Ist das Schwert durch deine eigene Seele gegangen, hast auch du ein blutendes Herz. Und das ist genau das, was diese Zeit braucht.

Es fehlt nicht an solchen, die irreführen und irregeführt werden.

Es gibt genug Spiel und Spaß auf der Erde, besonders jetzt, da die Menschheit dabei ist zu vergehen und der eine Mord den anderen ablöst. Es braucht auch niemand wegen fehlenden Wissens irrezugehen. Aber der Zeitgeist ist krank, und das Gericht hat an Gottes Haus begonnen. Es ist eine Zeit der Züchtigung und des Leidens.

4. Der Tod ist die Pforte des Lebens. Mit der Absicht, daß wir viel Frucht bringen sollen, übergibt Er Seine Auserwählten dem Tode, wie der Landmann seine Aussaat in die dunkle Erde wirft. Das Leben wird durch den Tod vervielfältigt, wie der Herr sagt: "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht." Der, der dem Vater der Geister untertänig ist, wird leben, wenn er auch durch zehntausend Tode ginge.

5. Das Leiden ist eine verborgene Herrlichkeit. Unter der Gefängnisjacke glänzt die weiße Seidentracht. Die Glieder der Kette sind aus Gold. Aus der Grube wirst du auf goldenen Treppen hinaufsteigen. Nach einer Zeit der Erniedrigung wirst du den Rang eines Fürsten tragen, als Gottes Kämpfer in der Welt, als Gottes Freund vor Gott und als Bruderfürst für die Leidenden auf Erden.

Kannst du nicht jetzt schon die Musik der Wagenräder des Königs hören, und wird nicht dein Herz von einem leichten Schwingen der Trompetenstöße, die die Völker auf die Knie mahnt, berührt?

Die Helden der Bibel sich nicht sonnen durften

in Glück, Reichtum und Pracht;

Nein, erzogen in der Kreuzesschule sie wurden

zu spüren des Himmelreiches Kraft.

Danach sie die Fahrt konnten antreten

als treue Boten des Herrn,

mit einem Glauben, der die Welt bewegte,

in demütigem Geiste vor Gott.

 

 

Ein gefangener König

 

Wie sollte doch das Bild, das der Herr braucht, um ein trauerndes Zion zu trösten, dazu geeignet sein, jeden Zweifel an der Liebe Gottes für uns auszulöschen! "Kann denn eine Mutter ihr Kind vergessen, daß sie kein Erbarmen mit ihrer Leibesfrucht habe?"

 

 

 

WIE EINE MUTTER

1. Eine milde Liebe. Als die Dirnen um das lebende Kind stritten, sagte der König zu seinem Diener: "Zerschneidet das lebende Kind in zwei Teile und gebt der einen die eine Hälfte und der anderen die andere Hälfte!" Aber da rief die Mutter des Kindes aus, wiewohl sie eine lasterhafte Frau war: "Bitte, mein Herr! Gebt ihr das lebende Kind, aber tötet es ja nicht." (1. Kön. 3). Sie wurde von Teilnahme für ihr Kind erfaßt, weil es ihr eigenes war, und durch diese Liebe, die sogar eine Dirne besaß, wurde die wirkliche Mutter geoffenbart. Sie besaß die mildeste Liebe, die jemals ein Menschenherz in Bewegung gesetzt hatte. Die Not des Kindes durchbohrte ihr Herz. Ein Schwert ging durch Marias Seele.

Welche milde Liebe muß der Herr zu seinem widerspenstigen Volk haben, wenn Er sagt: "Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein trautes Kind? Denn ich denke noch wohl daran, was ich ihm geredet habe; darum bricht mir mein Herz gegen ihn, daß ich mich sein erbarmen muß." (Jer. 31,20). Wer hat die Tiefen im Herzen des ewigen Vaters, das ständig von der Not der Menschheit beeinflußt wird, ausgelotet? (Hos. 11).

2. Eine beständige Liebe. Freunde gehen, und Freunde kommen. Andere können wohl das Kind mit ihren Gaben erfreuen, ohne Geduld und Nachsicht mit dessen vielen Fehlern und Gebrechlichkeiten zu haben. Diese sind nur schwache Erfahrungen und arme Tröster. Nur die Mutter ist dieselbe. Sie wacht bei ihrem kranken Kind, wenn die Mitglieder der Familie eingeschlafen sind; und je mehr sie bekommt, desto mehr will sie geben. Ja, sogar wenn sie selbst sagt, daß es an Geduld fehlt, hält sie stundenlang aus. Wie der Bach aus der perlenden Waldquelle fließt die Liebe jederzeit. Deren Tiefe hat sie nicht einmal selbst gefunden. Sie ist einer tieferen Liebe mächtig, als sie selbst ahnt.

Aber Er, der sowohl Vater als auch Mutter für die Seinen ist, nimmt auch die auf, die von Vater und Mutter verlassen worden sind. Wie es auch auf der Erde zwischen Freude und Leid wechselt, bleibt Er doch derselbe, und Seine Gefühle für uns sind so unveränderlich wie Er selbst.

3. Eine alles hingebende Liebe. Ein sterbender Jakob segnet seine Söhne. Die Gedanken einer Mutter kreisen bis in den Tod um ihre Kinder. Eine solche Äußerung der Mutterliebe ist die in der Todesnacht flackernde Flamme des klaren Lichtes, das niedergebrannt ist. Die Fürsorge, die eine Mutter für ihre Kinder hat, ist ein ständiges Hingeben des eigenen Lebens, und es geschieht nicht selten, daß die Mutterliebe sie dazu treibt, für sie zu sterben. Sollte eine Mutter ihr Kind vergessen? Unmöglich! Sogar die Tiere haben eine solche Fürsorge für ihre Jungen, daß diese größer als der Selbsterhaltungstrieb ist. Für ihre Jungen kämpfen sie bis zum Blut gegen den Verfolger, und sie lassen sich selbst mitunter von der Kugel des Jägers durchbohren, anstatt sie preiszugeben.

Warum sollte da Zion klagen: "Der Herr hat mich verlassen, der Herr hat mich vergessen!" Wenn auch eine Mutter ihr Kind vergessen könnte, so daß sie sich seiner nicht erbarmte, so wird doch der Herr die Seinen nicht vergessen.

4. Mehr als eine Mutter. Kann eine Mutter eine solche Fürsorge für ihre Kinder haben, wieviel mehr wird nicht Er, der sogar über dem kleinsten Spatz wacht, Fürsorge für uns haben (Matth. 10,29)! Hat ein Tropfen Seiner Liebe die Mutterschaft unter lebendigen Wesen so erhöhen können, wie muß Er da selbst Seine Kinder mit einer unbegrenzten Mutterliebe umfassen! Welch ein unbeschreibliches Glück, Ihm zu gehören!

Wir sollten wirklich keine Sorgen haben, wenn Er unser Vater ist. Die vollkommene Liebe, mit der Er uns umfaßt, sollte mächtig genug sein, die Furcht, die uns mitunter quält, zu vertreiben. Wenn das Vogelweibchen mit ausgebreiteten Flügeln über seinem Nest stirbt, wie untrüglich muß da der Herr die, die sich unter Seinen beschützenden Flügeln sammeln lassen, bewahren, und wie groß muß Seine Liebe gewesen sein, als Er für uns in den Tod ging! Unsere Freude sollte wie die Morgensonne hervorbrechen, wenn wir dieser Liebe glaubten, und der Tag des Herzens würde niemals untergehen.

DIE LIEBE, DIE ALLES ÜBERSTEIGT

Aber Er liebt Sein Volk mit noch größerer Liebe. Das mystische Lied, aus dem der Text geliehen ist, spricht von einer Liebe, die nur die Braut kennt. Das ist nicht die Liebe einer Mutter, die hier gezeichnet wird, sondern eine Liebe, die alle Erkenntnis übersteigt. "Oder sollen wir die Auffassung derer, die in so vielen vergangenen Jahrhunderten im Hohenlied Vorbilder für das Verhältnis der höchsten göttlichen Liebe zu der Menschheit gefunden haben, nur einfach als eine Phantasie ansehen? Werden nicht die Vorbilder, die darin nur dunkel wahrnehmbar sind, im Evangelium voll geoffenbart?"

Ja, sicher. Das Hohelied ist nur der alttestamentliche Ausdruck für die Wahrheit, die in Eph. 5, 23-33 dargestellt wird und die den ganzen Plan Gottes mit der Menschheit durchzieht, nämlich daß wir eins mit Ihm durch den lieben, hochgelobten Sohn Gottes seien. "Denn der Mann ist des Weibes Haupt, gleichwie auch Christus das Haupt ist der Gemeinde, und er ist seines Leibes Heiland. Aber wie nun die Gemeinde ist Christo untertan, also auch die Weiber ihren Männern in allen Dingen. Ihr Männer, liebet eure Weiber, gleichwie Christus auch geliebt hat die Gemeinde und hat sich selbst für sie gegeben, auf daß er sie heiligte, und hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Wort, auf daß er sie sich selbst darstellte als eine Gemeinde, die herrlich sei, die nicht habe einen Flecken oder Runzel oder des etwas, sondern daß sie heilig sei und unsträflich. Also sollen auch die Männer ihre Weiber lieben wie ihre eigenen Leiber. Wer sein Weib liebt, der liebt sich selbst. Denn niemand hat jemals sein eigen Fleisch gehaßt, sondern er nährt es und pflegt sein, gleichwie auch der Herr die Gemeinde. Denn wir sind Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinem Gebein. Um deswillen wird ein Mensch verlassen Vater und Mutter und seinem Weibe anhangen, und werden die zwei ein Fleisch sein. Das Geheimnis ist groß; ich sage aber von Christo und der Gemeinde."

Von Natur aus können wir niemals begreifen, daß es eine solche Liebe wie diese wirklich im Herzen des Herrn gegenüber Seinem Volk gibt. Und dennoch beinhalten die eigenen Worte des Herrn dasselbe und noch mehr. "Gleichwie der Vater mich geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt." (Joh. 15). Und "du hast sie geliebt, gleichwie du mich geliebt hast." (Joh. 17). In Wahrheit, diese Liebe ist ein großes Geheimnis, das nur wenige verstehen können. Sie ist in ihrem inneren Wesen verborgen, wird aber durch ihre Auswirkungen offenbar. Er will unsere Herzen dazu ermächtigen zu verspüren, was wir nicht mit dem Verstand erfassen können (Eph. 3, 18-19).

DIE MENSCHGEWORDENE LIEBE

Gott hat Seine Liebe zu uns durch Seine Menschwerdung geoffenbart, und wir können mit Johannes sagen: "Wir sahen seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit eines eingeborenen Sohnes, vom Vater." Wir sind zum Glauben an diese Liebe gekommen, die Gott für uns hegt, und bekommen die wertvollsten Zeugnisse Seiner Liebe durch alle die, die Ihn kennengelernt haben.

Den tiefen Grund der Liebe, der in Seinem eigenen Wesen zu finden ist, werden wir doch niemals hier auf der Erde verstehen können. Aber wir werden nun einige Gründe dafür, daß die Liebe zu einer Lebensader für die Menschheit geworden ist, beachten.

1. Die Verwandtschaft mit uns in unserem Ursprung.

Durch Ihn, das persönliche Wort, wurden Himmel und Erde und auch Sein Abbild, der Mensch, geschaffen. Wie Johannes sagt: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Durch es ist alles geworden, und ohne es ist nichts geworden, was geworden ist. In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen." (Joh. 1). Er steht in einem unauflöslichen Verhältnis zum Menschen wie zum Leben. Getrennt von Ihm ist der Mensch tot, denn das Leben ist im Sohne Gottes.

Gleichwie ein nahes Verwandtschaftsverhältnis durch Blutsbande die Quelle zur Mutterliebe ist, so ist die Verwandtschaft zwischen Gottes Sohn und dem Menschen zur Ursache für Seine Menschenliebe geworden. Die Gemeinschaft zwischen uns in unserem Ursprung hat Sein Herz an das gefallene Geschlecht Adams gebunden, und das muß dadurch für uns klar werden, daß Er niemals das Geschlecht vergessen kann, das an Seiner eigenen Brust gesäugt hat (Jes. 46, 3.4). Tief berührt vom Gedanken an Israels Abfall sagt Er: "Und ich, ich lehrte Ephraim laufen ... ich nahm sie immer wieder auf meine Arme." (Hos. 11).

Die Sünde kann die lieben Züge eines Kindes, das auf Seinen Knien lallte, auslöschen (Jes. 66, 12.13; Spr. 8, 31), aber Seine Blicke dringen durch die harte Schale und finden - hinter den fast teuflischen Zügen - eine Seele, geschaffen zu Gottes Abbild, eine Seele, die sich wie ein verlorener Sohn zum Vaterhaus zurück sehnt. Der Sohn mag sich während des Aufenthaltes im fremden Land so verändert haben, daß keiner seiner Angehörigen ihn erkennt, doch es gibt einen, der ihn mit tiefer Rührung umarmt und sagt: "Mein Kind!" (Luk. 15).

Sein Herz wird sogar von diesem von der Sünde zerstörten Urbild gefangengenommen. Er weint vor den Engeln und Seinem Vater, sagend: "Siehe, wie leidend und bleich er ist - mein Sohn!" Es wird von einem geschickten Maler berichtet, daß er durch beharrliche Arbeit es schaffte, ein treffendes Bild eines hervorragenden Mannes herzustellen, worüber er sehr froh war. Aber irgend eine übelgesinnte Person verdarb das gutgemachte Meisterwerk, woraufhin der Künstler vor Kummer außer sich geriet, und die ganze Stadt und Kunstwelt nahm tief an seinem Schmerz teil. Sollte nicht der himmlische Meister bluten, wenn Sein Abbild und Meisterwerk, der Mensch, verloren geht? Sollten nicht Seine himmlische Stadt und die Engelwelt mit Ihm weinen?

Unsere Not muß Seine Not werden, unsere Sünde Seine Sünde, unser Tod Sein Tod; aber unsere Erlösung durch Seinen Sieg wird zu Seiner ewigen Sättigung (Jes. 53). Gleichwie sich eine Mutter freut, wenn das Kind lebendig aus dem Meer gezogen wird, so freut sich Jesu Herz über die Rettung des Sünders. Und die Erlösten sind Ihm doppelt so lieb.

2. Diese erbarmende Liebe trieb Ihn hier herunter, um für uns zu leiden und zu sterben. Die Verwandtschaft mit uns in unserer menschlichen Natur ist zum zweiten Grund für Seine Menschenliebe geworden.

Beim Gegenstand seiner Liebe ist der Mensch glücklich, auch wenn die Gemeinschaft mit Leiden und Verzicht vereint ist. Man will gern den Geliebten folgen und bei ihnen sein. Eine solche Sehnsucht zog den Sohn Gottes zur Erde. Er war während seines Leidens für uns "mit dem Öl der Freude gesalbt".

Im Hohenlied sehen wir Ihn mit uns ein- und auswandern, ein Flüchtling aus Seinem Hause, bis Er Seine Verlobte über die Berge trägt. Oder können wir nicht in der schönen Geschichte, die hier erzählt wird, die menschgewordene Liebe verspüren, die sich in menschliche Gestalt gekleidet hat, die zu unserem niedrigen Standpunkt herniederstieg, um uns für sich zu gewinnen (Ps. 136, 23), die dann eine geheiligte Menschheit mit sich in das Himmlische bringt (Eph. 2, 6) und die nun von der Braut die Einladung erwartet, noch einmal zur Erde zurückzukehren, um für immer den geschlossenen Bund zu besiegeln (Offb. 22, 20). Dann wird der Bräutigam nicht mit tränenreichen Augen vor der Tür der Gemeinde stehen und Seine Geliebte niemals zu einem Nachtquartier in den Dörfern einladen (Hoh. 7, 11). In den hohen Sälen des Himmels werden wir ewige Hochzeit feiern. Wie muß Er sich danach sehnen!

Scheint es uns vielleicht unglaublich zu sein, daß der Sohn Gottes Mensch war, ein wirklicher Mensch, mit gleichen Leiden, Gefühlen und Bedürfnissen wie wir? Sowohl die alttestamentlichen Prophezeiungen wie auch die deutliche Offenbarung des Neuen Testamentes zeigen, daß dem so ist.

Die ganze biblische Geschichte dreht sich um ein Lamm, das vor der Grundlegung der Welt vorausbestimmt war (1. Petr. 1) und dessen Vorbilder schließlich den Charakter eines Priesters angenommen haben, ein lebendiger, persönlicher Heiland. Und wir haben selbst erfahren, daß dieser gewiß Gottes Sohn ist, die Bedürfnisse des Geistesmenschen zur Gänze erfüllend.

Wie einer, der Nachsicht mit den Unkundigen und Irregegangenen haben kann, muß sich der Priester des Alten Bundes unter Menschen benehmen (Hebr. 5). Der Neue Bund, der den Sohn eingesetzt hat, vollkommen für ewige Zeiten, hat seine Kinder einem Herzen überlassen, das deren Not trägt. "Daher mußte er in allem den Brüdern gleich werden, damit er barmherzig und ein treuer Hoherpriester vor Gott werde, um die Sünden des Volkes zu sühnen; denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht worden ist, kann er denen helfen, die versucht werden." (Hebr. 2, 17-18).

Leidendes Herz! Der Menschensohn hat für dich gekämpft und kommt wieder mit der Ruhe der Liebe zu deiner Seele. Niemand ist einer leidenden Menschheit näher getreten, niemand hat sich so vollständig für uns aufgeopfert wie Er, "ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut". Überall können wir Seine Fußspuren entdecken; von der Wiege bis zum Grab ist Er mit uns vertraut. Nicht weniger als sechsundachtzig Mal - so hat jemand ausgerechnet - (Elberfelder Übersetzung zweiundsiebzig Mal - Anm. d. Übers.) nennt sich der Herr Jesus im Neuen Testament Menschensohn. Welch eine herablassende Huld und Liebe wird doch in diesen Worten ausgesprochen! Und wie innerlich muß Er mit uns durch Seine Menschwerdung verbunden sein!

Wahrlich, Er schämt sich nicht, uns Brüder zu nennen, obwohl Er allen Grund dazu haben könnte. Sollen wir uns da für unsere Bruderschaft schämen?

3. Eine dritte mitwirkende Ursache ist Seine Hingabe für uns.

Die Liebe lodert durch Opfer auf. Leiden und Schmerz offenbaren die Liebe. Eine Mutter sieht kaum ein, wie sehr sie ihr Kind liebt, bevor es nicht leidet. Jesu Herz schlug immer höher, als Er unsere Sünden trug, bis Er sagen konnte: "Es ist vollbracht!" Er zog Seinen Auserwählten wie einen Brand aus dem Feuer und starb mit ihm in Seinen Armen (Sach. 3, 2).

Wer kann die Höhe und Tiefe Seiner Liebe messen, wer kann verstehen, was Er beim Anblick Seiner Verlobten fühlt! Wo gibt es ein Bild, das Seine Liebe malen kann, oder Worte, die sie aufwiegen können? Kann nicht Seine Hingabe für uns eine harte Kritik über das Hohelied verstummen lassen?

Wie der Herr eine Frau aus der Rippe Adams schuf, so ist die Braut des Lammes aus Seinem eigenen Herzen genommen. Denn wir sind Glieder Seines Leibes, von Seinem Fleisch und Bein. Kein Wunder, wenn Er sagt: "Wende deine Augen von mir ab, denn sie verwirren mich." (Hoh. 6, 5).

Wunderbare Liebe! Die höchste Offenbarung, die der Mensch jemals von Gott bekommen hat! --- Engel und Menschen, Himmel und Erde beten Ihn an. "Die ganze Erde wird voll Erkenntnis seiner Herrlichkeit sein." Aber keinem geschaffenen Geschöpf ist die Gabe gegeben worden, die höchste Botschaft von Seiner Liebe zu verkündigen.

Diese übersteigt alle Erkenntnis.

 

DIE LIEBE EINES BRÄUTIGAMS

"Ein König ist gefangen..."

In der schönen Geschichte, die mit dem Verlangen der Seele beginnt und mit ihrer erfüllten Hoffnung endet, ist niemals ein Wort der Unzufriedenheit über Seine Lippen gegangen. Denn "die Liebe bedeckt eine Menge von Sünden".

Ein um das andere Mal können wir Ihn so eingenommen von Seinem Gegenstand sehen, daß Er Sich nur um sie dreht, "meine Taube, meine Vollkommene. "In meine Handflächen habe ich dich eingezeichnet," sagt der Herr. Und der Bräutigam hat ihr Bild überall in Seinen höfischen Sälen aufgehängt. Überall finden wir den glühenden Ausdruck Seiner Liebe. Aber sie ist doch sonnenverbrannt und schwarzbraun! (Hoh. 1, 6). Und Er ist der schönste unter den Menschenkindern! (5, 10).

1. Er umfaßt sie mit einer nachsichtigen und vergebenden Liebe.

Er wird zum Mitleid über ihre Schwächen gerührt, Er läßt Seine Liebe zu ihr hinüberfließen, wenn sie am unwürdigsten ist. Er traf sie, als sie einsam und allein herumging. Er nahm sie so behutsam herunter von der Grenzhöhe und sagte: "Du hast mir das Herz geraubt, meine Schwester, meine Braut." (Hoh. 4). Wie müssen die Freuden dieser Welt vor dem Wissen um Seine Liebe verbleichen und das Gegenwärtige seine Anziehungskraft verlieren, wenn sie sich im ruhigen Tal treffen! Hast du, mein Geliebter, eine Begegnung mit Ihm gehabt?

Bring deine Sünde zu Ihm! Leg deine Last an Seinem Kreuz ab. Er schenkt Gnade statt Sündenstrafe, denn deine Schuld ist gesühnt (Jes. 40). Hast du keine Erfahrung von solchen Worten wie diesen: "... und die Welt mit sich selbst versöhnt hat"; "Gott, der allen willig und gibt und nichts vorwirft." ... "Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten." - ? Ist nicht die Bibel voller Zeugnisse Seiner nachsichtigen und vergebenden Liebe? Hat die Heilige Schrift nur einen einzigen Vorwurf für elende, arme und zerschlagene Herzen?

Welch eine Geduld hat Er mit einem jeden von uns gehabt! Wie hat Er uns wie eine Mutter ein ums andere Mal ein- und dasselbe Wort gelehrt! Niemand hat einen größeren Grund gefunden, sich Seiner Geduld zu rühmen, als der, der lange genug in der Schule des Geistes gewesen ist, um sich selbst zu kennen. Wie sollte die Seele die Früchte Seines Todes genießen können, wenn sie sich nicht jede Stunde Christi Verdienst zueignen dürfte? Der, der nicht seinen eigenen Ruhm verloren hat, verrät seine eigene Unkenntnis.

Laß es dahingestellt sein, daß die Fehler, die das Hohelied beklagt, nicht die Sünden des gewöhnlichen Christentums sind, sondern nur eine zufällige Abweichung, eine vorbeigehende Trägheit, Fehler, die man beweinen und damit zeigen muß, daß die Seele das feinste geistliche Gefühl gefunden hat. Sie hat genügend viele Fehler, um Seiner Liebe unwürdig zu sein. So ist es mit einem jeden von uns. Er liebt um Seinetwillen.

2. Die Liebe, mit der Er seine Braut umfaßt, ist eine sehr milde Liebe.

Während der Sturm über die Erde rast, verbirgt Er seine Taube in den Felsspalten (Hoh. 2,14), und während der Tod überall herrscht, darf sie am Herzen des Freundes ausatmen (2, 11). Er macht sie selbst an Leben und Unvergänglichkeit teilhaftig, ihr Gemach von Zedern und Zypressen bauend, und über dem Raum des Leidens weht das Banner Seiner Liebe (1, 17. 2, 4). Er würde lieber sterben als Seine Braut preiszugeben, und Er verträgt es nicht, daß jemand sie stört. Einsame Seele, es gibt Raum in Seinem Herzen für dich. In Seiner herablassenden Liebe will Er Freud und Leid mit Seiner Auserwählten teilen. Seine Frage: "Meine Kinder, habt ihr etwas zu essen?" ist das Echo der menschgewordenen Liebe und zeigt, daß der Erlöser, der in allem den Brüdern gleich sein muß, und der König, den der Herr auf Seinen Thron gesetzt hat, dem Wesen nach derselbe ist. Du darfst mit aller deiner Not zu Ihm gehen. Sprich mit deinem Freund über alles, deine Kinder, deine Arbeit, deine Enttäuschungen, deine Hoffnungen usw.

"Kommt zu mir", sagt Er, "so werdet ihr Ruhe finden." Wie das Kind so herzig auf dem Kissen der Mama ruht, so hat die Geliebte in Seiner Nähe Ruhe gefunden, denn sie ist im vollen Bewußtsein Seiner Liebe, und alles trägt das Zeugnis Seiner väterlichen Fürsorge. Der Bräutigam selbst sitzt neben ihr wie eine Mutter an der Wiege des Kindes und sagt: "Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hirschkühen des Feldes: Weckt nicht, stört nicht die Liebe, bevor es ihr selber gefällt." Daher kann sie, trotz aller, die sie versucht haben, ihrem Herrn mit reinem Herzen begegnen, wenn Er sie auf's Neue in Seinen Weinberg ruft: "Mach dich auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm! Denn siehe, der Winter ist vorbei, die Regenzeit ist vorüber, ist vergangen." (Hoh. 2, 10-11). Wir würden bald von der Welt bezaubert werden, wenn nicht Seine milde Liebe über uns wachte. Die Geschwisterseele muß immer tiefer die Milde Seiner Liebe spüren. Sonst würde sie ein "Zuchtmeister" anstelle einer geistlichen Mutter werden. Daher muß der Herr uns so gründlich plattdrücken, damit wir keine andere Zuflucht als "das Blut und die Wunden" haben. Wahre Heiligung hat ihren Ursprung am Kreuz. Von einem tieferen Werk des Geistes ist eine tiefere Erkenntnis des Schmerzensmannes untrennbar. Keiner singt das Lied des Lammes höher als der, der durch Sein Opfer geheiligt worden ist.

Es kommen Zeiten, da wir nichts anderes machen können als zu leben. Nicht zuletzt dann gilt es, in Christus verborgen zu sein. Die Umgebung achtet unsere Botschaft nicht, und wir gehen verstummt einher (Hes. 3, 15). Oder Er nimmt uns aus dem arbeitsamen Leben heraus, um in der Einsamkeit mit uns zu sprechen. Mitunter wissen wir jedoch nicht warum. Aber verborgen in den Wunden sind wir sicher, und unser Geist wird rein vom Staub der Erde wie der Augapfel unter dem geschlossenen Auge bewahrt. Es ist eine unbeschreibliche Gnade, vom Herren selbst willkommen geheißen zu werden, wenn Er uns wieder zu Seiner Arbeit mit den Worten "meine Taube!" ruft. Denn manche Seele, die dazu berufen war, Seine Worte vom Dache zu predigen, hörte Seine Stimme nicht in der Kammer.

Möge etwas von dem Geist, der den Ruf hervorbrachte: "Der Herr ist Gott!", die einsamen Stunden unseres Lebens verklären.

Wenn dir Gottes Absichten fremd sind, kannst du niemals den Weg des Leidens verstehen, sondern meinst, daß die Prüfung Strafe für Sünde sein muß. Insbesondere ist es schwer für den, der im Herrn nur einen Gesetzgeber sieht, einen höheren Grund für unser Leiden als die Sünde zu begreifen. So war es der Fall mit den Freunden Hiobs, die den Herrn erzürnten, obwohl sie verständig redeten. Jeder leidende Christ, glaube ich, hat mit Hiobs Tröstern irgend eine Bekanntschaft machen müssen, aber der, der auf dem Herzen des Bräutigams liegt, hat noch mehr den Tröster, den Heiligen Geist, kennenlernen dürfen. Mit der Milde einer Mutter wacht Er über uns in den Stunden des Leidens und hat wirklichen Trost zu schenken. Ich will lieber mit Ihm in der Hitze der Prüfungen sein als ohne Ihn im ganzen Glück der Erde.

Auf wunderbaren Wegen geht der Wunderbare. Er führt Seine Auserwählten durch das Meer, nicht weil es notwendig ist, sondern weil es göttlich ist. Ihr Übergang zum Leben muß der Weg des Todes sein, denn ihr Helfer in der Not ist wunderbar. Sie müssen die Zucht durchmachen, um die Friedensfrucht der Rechtfertigkeit zu gewinnen, und jedes Tal, wo die Traube reift, ist mit Eisenwagen besetzt. Denn Er will durch Seine Offenbarung die Anbetung Seines Volkes gewinnen. Nur dadurch können wir im Segen gesegnet sein. In der Welt des Glaubens fließt Milch und Honig, solange der Herr unser Gegenstand ist. Unser Leben ist, Gott zu kennen.

Die Not ist eine gesegnete Schule, in der man Gott und Sein Erbe in Ihm kennenlernen darf. Durch Leiden und Schmerz hat Gott immer Seinen Kindern beigebracht, in einer tieferen Tonart zu singen. Wo andere uns bedauern, finden wir den größten Grund, den Herrn zu preisen. Sei daher guten Mutes! Der Herr sorgt für dich. Wenn es auch durchs Meer geht, wird Er doch deine Seele zur Ruhe bringen. Er hat den Arm Seiner Heiligkeit entblößt, der niemals im Tode einschlafen wird. In Leid und Schmerz ruhe auf Ihm. Bricht dein Herz vor Kummer - hier gibt es Balsam für schmerzende Wunden. Komm zu Seinem milden Herzen!

3. Er umfaßt Seine Auserwählte mit der Liebe eines Bräutigams und freut sich über sie.

Als Seine Braut lieben wir Ihn, weil Er uns geliebt hat. Dazu haben wir das Gebot bekommen, Ihn über alles andere mit der allertiefsten Liebe zu lieben. "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand." Dies nicht nur, weil wir verpflichtet sind, so zu tun, sondern weil unsere Liebe Seinem Herzen so teuer ist, daß Er keinen anderen Lohn fordert. Er hat uns selbst mit einer Liebe geliebt, die alle Erkenntnis übersteigt, und will im Austausch unsere innerlichste Liebe haben.

Wenn die Gemeinde Ihn mit der ehelichen Liebe umfaßt, wovon die Schrift spricht, freut Er Sich über Seine Braut und sagt: "Wie lieblich ist deine Liebe! Ja, lieblicher als Wein; und der Duft deiner Salben übersteigt allen Wohlgeruch.". Über allem, was wir Ihm geben können, ist die Liebe aus reinem Herzen das beste Kleinod. Sein Herz genießt unsere Liebe zu Ihm mehr als die Herrlichkeit des Himmels und die Gottesverehrung der Gemeinde.

Wenn sie ihre Pforten weit macht, zieht der König der Ehre ein mit Freude. "An jenem Tag wird in Jerusalem gesagt werden: Fürchte dich nicht, Zion, laß deine Hände nicht erschlaffen! Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der rettet; er freut sich über dich in Fröhlichkeit, er schweigt in seiner Liebe." (Zeph. 3, 16-17). Die Freude, die Er über Seine Braut hat, ist unaussprechlich. Solche Ausdrücke wie diese: "Du bist ganz und gar schön, meine Geliebte" und "wie lieblich ist deine Liebe" sind Ausdruck für die innerlichste Freude.

Ein hervorragender Missionar traf nach einer langen Abwesenheit seine Frau in London. Aber die Freude, einander wiederzusehen, war so groß, daß sie nur durch Freudentränen miteinander sprechen konnten. Diese Liebe war ein Geheimnis für ihre eigenen Herzen und konnte nicht genannt werden. Kein Mensch hat je einen in des Wortes vollem Sinne würdigen Ausdruck für die Freude finden können, die der Bräutigam in Seinem Herzen über uns hat.

Welche Sabbatruhe in Seiner Nähe, wenn zwei Herzen, die einander besitzen, sich einander mitteilen, leise, ohne Worte. Hast du so etwas erfahren?

4. Er liebt uns mit der Vertraulichkeit eines Freundes.

Er, der uns mit Seinem eigenen Blut für Sich selbst erkauft hat, sucht die ganze Zuneigung unserer Seele zu gewinnen. Er läßt es Sich nicht mit dem bloßen Anerkennen Seines Rechtes, uns zu besitzen, genügen, Er will, daß wir Ihn über alles mit einer unaussprechlichen Liebe lieben, so daß es zwischen unseren Herzen und Seinem einen Austausch der Liebe geben kann. Er will, daß wir eins mit Ihm sein sollen, wie in der ehelichen Vereinigung Mann und Frau nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch sind. Und diese zwei, der Bräutigam und seine Braut, finden keine Ruhe, bevor sie nicht beieinander in den Herzen ruhen. In dieser Gemeinschaft, welche von niemand anderem als der Braut selbst verstanden werden kann, sind Jesu Worte: "Ich in ihnen und sie in mir, daß sie in eins vollendet seien." für uns zu einer Wirklichkeit geworden.

Es ist die offene, freimütige Liebe -wie in einem guten Verhältnis zwischen Ehepaaren-, die im Hohenlied ausatmet: "Schön bist du, meine Freundin." So spricht der Freund. Die Braut antwortet mit einem Echo Seiner Liebe: "Mein Geliebter ist weiß und rot, hervorragend unter Zehntausend."

Sie rühmt sich der Liebe ihres Herrn, und sie zaudert nicht, den mildesten Ausdrücken Seiner Liebe zuzuhören, und auch nicht, ihre eigenen tiefen Gefühle auszusprechen: "Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein." Sieh da, was die Burg für die gesegneteste Freiheit und das höchste gegenseitige Vertrauen ist. Diese Liebe beinhaltet eine solche Vertraulichkeit, daß sie einander alles erzählt, und eine vollkommene Freiheit, in der man nie einen Vorwurf fürchtet. Ausdrücke, die sonst anstößig erscheinen könnten, werden hier geheiligt, so daß sie nicht nur gebührend und passend, sondern schlichtweg notwendig sind.

Hat die Schrift uns nicht bezüglich unseres Umganges mit Gott zu dieser Freimütigkeit im Glauben ermahnt? Was bedeuten sonst Worte wie diese: "Sorget nichts, sondern in allen Dingen lasset eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu!" (Phil. 4).

Der Herr hat angesichts Seiner Stellung zu uns gesagt: "Ich nenne euch nicht mehr Sklaven ... euch aber habe ich Freunde genannt." Versprach Er nicht bei Seinem Weggang, den Tröster zu schicken, der uns an alles erinnern und uns alles lehren soll? Gottes Geist erforscht alles, ja sogar die Tiefen Gottes.

Auf der einen Seite sind wir zu einer so offenherzigen und vertraulichen Gemeinschaft ermahnt worden, daß wir sogar unsere Wünsche berichten und Ihm damit das Vertrauen eines Freundes schenken sollen. Auf der anderen Seite will der Herr uns an alles erinnern, uns alles lehren, alles erzählen und alles für uns erforschen.

Welch unaussprechlicher Friede wird einem jeden von uns in dieser Gemeinschaft angeboten! Wie wird Seine Liebe unsere Herzen zerbrechen und die Seele außer sich werden bei Seinen Worten: "Öffne mir, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Vollkommene! Denn mein Kopf ist voller Tau, meine Locken voll von Tropfen der Nacht."

Ich beschwöre dich bei Seiner Liebe, laß Ihn ins Brautgemach und sprich vertraulich mit deinem Freund. Schenke Ihm die ungeteilte Liebe deines Herzens und werde Sein! Aber sieh zu, daß du Christus nicht mit deiner eigenen, sondern mit Seiner reinen Liebe umfassest.

Der, der in den Lüsten des Fleisches lebt, ist unter der Verdamnis.

EIN GEFANGENER KÖNIG

Hast du bei der Abfahrt des Zuges eine Hand gedrückt, die die liebste auf Erden war? Vielleicht eine Vater- oder Mutterhand, die Hand eines Freundes oder Bruders? Oder bist du einmal am Ufer gestanden und hast mit dem Taschentuch in deiner Hand zum Abschied gewunken, während die Tränen unaufhörlich deine Wangen hinabliefen? Während der Eisenbahnzug forteilte oder das Dampfschiff in die blaue Ferne verschwand, hatte der Gegenstand der Liebe dein Herz mit sich genommen, und das Meer konnte euch nicht trennen.

Das Herz einer Mutter geht mit, wenn auch das Kind in ein fremdes Land reist. Nicht einmal der Tod kann die scheiden, die die Herzen voneinander besitzen. "Warum weinen?" sagte ich einer Mutter, "Emmy ist heim zu Gott gegangen." - "Ach", antwortete sie, "Emmy hat mein Herz mitgenommen, und nur das Wiedersehen kann mich trösten." Weil mein Freund über alle erhaben ist, weiß ich, daß weder Leben noch Tod uns voneinander scheiden können. Seine Verheißung: "Ich bin bei euch alle Tage." ist eine selige Wirklichkeit.

Seitdem der Menschensohn der Erde zum Abschied gewunken hat, hat Er uns niemals vergessen können. Und nur das Wiedersehen kann Ihn trösten. Dann wird Er sehen und gesättigt werden.

Während des Kampfes der Gemeinde ist sie der einzigste Gegenstand, der Ihn gefangen nimmt, "weil er immer lebt, um sich für sie zu verwenden." (Hebr. 7, 25). Wie könnte Er Sich nach Seiner Menschwerdung so über die Herrlichkeit freuen, die Er beim Vater hatte, wenn diese Ihm nicht für Seine Braut gegeben worden wäre und Er sie nicht in Sein schönes, hoch über den Stürmen, Kämpfen und Gefahren der Erde gelegenes Heim nehmen dürfte? (Joh. 17).

Satan hat geschworen, Seinen Plan zunichte zu machen. Und der Zeitgeist übt einen fast unwiderstehlichen Einfluß auf einen jeden aus, der zur Welt gezogen wird. Wenn sich daher jemals der Gedanke, daß der Bräutigam uns verlassen habe, aufdrängen sollte, wird das durch eine solche Erfahrung beklommene Herz mit Düsterkeit, Unruhe und Unsicherheit erfüllt. Sollte die Braut, wenn auch nur für einen Augenblick, sich von der Welt beeinflußt fühlen, streckt sie ihre Hände dem Bräutigam hin und sagt: "Zieh mich zu dir!" Der himmlische Freund ist so nahe wie eine Mutter ihrem Kind, wenn es an ihrem Gängelband geht. Sollte Er Seine Auserwählte an der Grenze zur Ruhe zurücklassen und niemals Sein Werk in unseren Herzen zur Vollendung bringen? Das sei ferne! Der nächste Augenblick wird die Botschaft mitbringen, daß der König uns in Seine Säle führt (Hoh. 1, 4).

Deinen einsamen Weg kennt Er, und Er folgt dir Stunde um Stunde.

Ganz klar hat Er dich so liebgewonnen, daß Seine Augen und Sein Herz dir beständig folgen. Alle Angst, daß der Herr dich verlassen haben sollte, ist ganz und gar unbegründet, denn Er hat selbst gesagt: "Ich will dich nicht versäumen noch verlassen." (Hebr. 13). Wo du gehst, stolpernd auf dem Weg, den du nie zuvor betreten hattest, wird der Bräutigam selbst dein Auge sein. Nichts, was uns angeht, liegt außerhalb der Grenzen für Seine Sichtweite. Das Land, das du in Besitz genommen hast, ist "ein Land, auf das der Herr, dein Gott, achthat. Beständig sind die Augen des Herrn, deines Gottes, darauf gerichtet vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres." (5. Mose 11,12). Niemals wird Er für einen Augenblick Seine Aufmerksamkeit von dir nehmen, und wie sich auch alles auf der Erde ändern mag, wird doch der Bräutigam selbst jede Kleinigkeit in Seine Hand nehmen und werden Seine Augen über dir wachen.

In Seiner Pflege vom Anfang des Jahres bis ans Ende wird deine Seele wie ein wasserreicher Garten sein. Der selige Umgang mit Ihm wird ein unbegrenztes Elim für deine Seele und eine Freistadt während der Kämpfe des Erdenlebens sein. Wenn du auch ein einsames Gebiet durchwandern mußt, wird doch der Bräutigam selbst deine Feuer- und Wolkensäule sein. Und mitten in der Nacht des Kummers und Leidens wird Er Sein Kind ruhig unter der Obhut von himmlischen Wesen ruhen lassen (1. Mose 28). Der Freund ist allezeit nahe. Während du auf der Reise bist, was kann da für dich lieblicher sein als Seine Gesellschaft? Wo gibt es einen Himmel ohne Ihn, und wo auf der Erde könnte nicht ein Himmel mit dem Bräutigam deines Herzens sein? Als Jakob aus seinem Traum erwachte, rief er aus: "Das muß ein heiliger Platz sein!"

Ist nicht Seine Gegenwart imstande, jeden leeren Raum zu füllen?

Bist du einsam auf der Erde? Ist deine Mutter gestorben? Sein Herz und Seine Arme stehen offen für dich. Hast du deine schöne Rahel verlassen müssen? Erneuere deinen Bund mit dem Herrn; und während die Seele ihre Hochzeit feiert, wird die Trauerweide ihre Juwelen fallen lassen (1. Mose 35). Scheint die Zukunft dunkel zu sein? Sammle das Verlangen deiner Seele und die Hoffnung zur Aussicht, Ihn zu gewinnen! Dann sind deine Verluste der Beginn eines Lebens ohne Enttäuschungen. Klagst du: "Einsam und verlassen ist meine Seele!" - Sein Herz folgt mit. Wenn niemand anders mitgeht, folgen dir Seine Augen, denn "des Herrn Augen durchlaufen die ganze Erde, um denen treu beizustehen, deren Herz ungeteilt auf ihn gerichtet ist." Bist du zu einer Wohnung Gottes durch den Geist geworden, werden Seine Augen und Sein Herz für immer bei dir sein.

Ist nicht diese Gewißheit voller Hoffnung? Was wird Er nicht für Seine Geliebte tun?

Auf der Jubelfahrt deines Geistes, aber auch im finstern Tal folgen dir Seine Augen, und Sein Herz geht mit. Beim Ruf der Schar: "Der Herr ist Gott!" und in Stunden der Mutlosigkeit ist Er derselbe. Er freut sich genauso über den Auftrag eines Engels am Dornbusch wie über Elias Auftrag auf der Höhe Karmels. Wie sollte Er Seinen Auserwählten zulassen, wie ein Hund zu sterben, da Er doch vor langem bestimmt hat, sie mit Ehre aufzunehmen? O, welche Labsal. Ein Tisch und eine Festmahlzeit mit einer strahlenden Bedienung in der Wüste Beer-Sebas! Bald kommen dir Siebentausend zur Hilfe gegen diese mörderischen Zweifel (1. Kön. 17).

Wenn Er sich deiner Erlösung angenommen hat, ist Er auch mächtig, sie durchzu- führen. Er, der König für die Seinen ist, wird die Verheerungen des Feuers auf die Bänder, die die Welt gesponnen hat, begrenzen, und Er wird der Seele, die Er auserwählt, eine hohe und heilige Gesellschaft geben (Dan. 3). Der Hitze der Prüfung hat noch nie ihr Gottessohn gefehlt, auch ist die Löwengrube nie vernachlässigt worden. Wo gibt es einen Grund für Gottes Volk, an seinem Gott zu zweifeln? Die Schwierigkeiten können wie der Schnee unter der Wärme der Frühlingssonne zerschmelzen, wenn unsere Augen auf einem lebendigen und allmächtigen Gott ruhen.

Weil alles unter Seine Füße gelegt ist, müssen Engel und Menschen, ja alles unter Seiner eigenen Oberaufsicht zu unserer Vervollkommnung zusammenarbeiten. Denn "wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen." (Röm. 8, 28). Wenn der Weg auch durch Tod und Schwert geht - wie geschrieben steht: "Um deinetwillen werden wir umgebracht den ganzen Tag" - können wir doch mit Freude ausrufen: "Aber in diesem allen sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat." Denn Sein Herz geht mit. Und wenn wir es gelernt haben, Ihn mehr zu lieben, werden wir Seine Wege besser verstehen.

Was schadet es mir da, von den Söhnen meiner Mutter verachtet zu werden? Was macht es da wohl aus, wenn die Wächter mich geschlagen haben? Sein Herz geht mit, und mein Leben ist eine Hochzeitsreise.

 

"Stunde um Stunde in Liebe er mich trägt,

Stunde um Stunde sein Leben er mir beschert.

Schauen darf ich in seine Herrlichkeit hinein;

Stunde um Stunde, o mein Gott, bin ich dein.

Niemals eine Schwäche zu groß für seine Gnad,

Niemals eine Krankheit, da er nicht weiß Rat.

Stunde um Stunde, in Weh und in Wohl

ist Jesus nahe meiner sehnenden Seel."

 

 

 

Eine Verschleierte

Wir kehren zur Erfahrung der Braut zurück. Das erste Mal, als Er sie mit Seiner Liebe zu Sich zog, dachte sie hauptsächlich an sich selbst, ihre Erlösung, ihre Freude in Ihm, ihr Glück mit Ihm. Nicht ausschließlich um Seinetwillen weihte sie das erste Mal Ihm ihr Leben, denn da hatte sie es nicht gelernt, Ihn völlig zu schätzen, sondern bewegte sich um die Arbeit in Seinem Weinberg, das Vertrauen und den Einfluß, den Er ihr geben würde. Sie kam auf Seine eigenen Worte hin, um gesegnet zu werden. Sie wurde gesegnet. Die Liebe gewann. Sie "flieht" mit ihrem Freund, weil sie von Ihm "gezogen" wird.

Nach dem Tag des Bundes am zerbrochenen Felsen begann Er mit ihr zu reden, auch von den kleinen Füchsen, die den Weinberg zerstören, und gab damit deutlich zu erkennen, mit welchen hohen und heiligen Interessen Er Seinen Gegenstand umfaßte. Um was sich niemand anderer kümmerte, das machte Er zum Thema des Gespräches mit der Braut, und sie bekamen dadurch die Gelegenheit, einander in die Herzen zu schauen, und sie gewannen sich immer lieber. Und gibt es irgend eine Wahrheit in unserer Übergabe, dann wird der Herr uns Seine Gebote anvertrauen; und Gehorsam muß die Frucht einer heiligen Übergabe sein. Ein ernsthafteres Leben, in dem der Geist Gottes sogar solches straft, was unsere christlichen Freunde nicht für Unrecht halten, deutet gewöhnlich darauf hin, daß die Seele ihrem Gott näher gekommen ist.

Es entsteht immer aufgrund dieser Übergabe ein Unterschied zwischen Christen und Christen: Der eine hat Seine Gebote, der andere dagegen hat sie nicht. Sie, die angefangen hat, nach der Gerechtigkeit zu hungern und dürsten, freut sich über die Züchtigung des Geistes und sagt: "Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein." (Hoh. 2). Weil Er mir das Geheimnis Seines Willens kundtut, kann ich sicher wissen, daß Er mein ist. Ganz und gar mein! Welche Freude, Ihn zu besitzen! Und doch liegt eine noch größere Seligkeit darin verborgen, Sein zu sein. Wenn der Bräutigam uns mit der ganzen Kraft der Liebe des Wohlbehagens umfaßt, ruft die Seele aus: "Ich gehöre meinem Freund, und zu mir steht sein Begehren." Dann hat sie das Ziel ihrer Sehnsucht gewonnen. Wie sollte sie trauern, solange der Bräutigam nahe ist? Sie wirft ihre ganze Sorge für das eigene Leben auf Ihn. Er wird Sein teuer erkauftes Eigentum bewahren.

Sie hatte sich das erste Mal durch den Glauben übergeben. Nun liebt sie mit einer Liebe, stark wie der Tod, und übergibt sich Ihm wieder aus Liebe.

Siehe, sie ist so von Seiner Schönheit eingenommen, daß sogar das Lied über Seine Lilien verstummt ist. Sie scheint kein Bedürfnis zu haben, die Gemeinschaft mit Ihm mit einer äußeren Herrlichkeit in Verbindung zu setzen, denn Er ist selbst die Summe von allem für ihr Herz. Den letzten Bund, den sie mit ihrem Freund auf dieser Seite des Meeres eingeht, hat sie mit folgenden Worten ausgedrückt: "Leg mich wie ein Siegel an dein Herz, wie ein Siegel an deinen Arm! Denn stark wie der Tod ist die Liebe, hart wie der Scheol die Leidenschaft. Ihre Gluten sind Feuergluten." (Hoh. 8, 6). Ach, wie nahe muß sie da den Pforten des Himmels sein! Wie ist sie durch diese Liebe von der Erde freigekauft worden! Entbrannt von dieser "Flamme des Herrn" hat sie nur eine Leidenschaft übrig, und das ist Jesus allein. Der, der Sein Herz besitzt, darf auf Seinem Arm ruhen. Seine Liebe und Allmacht stehen zu ihrer Verfügung. Das ist der Höhepunkt der Heiligkeit. Solange die Blume in den Knospen verschlossen ist, ist die innere Schönheit weniger entwickelt, als wenn die Bande zerbrochen sind und sich ihr reiner Kelch für die Sonne öffnet. Je mehr unser Leben durch Übergabe an den Herrn geöffnet wird, desto mehr werden wir Sein Bild tragen. Aber wie der Duft der Blume niemals ihr eigener ist, sondern eine freie Gabe an den auserwählten Gegenstand von der Freigebigkeit der Natur, so ist alles aus Gnade. Wie könnte Aser der Liebling seiner Brüder werden, wenn er nicht seinen Fuß in Öl getaucht hätte (5. Mose 33, 24)? Aber der Ölstrom fließt aus dem Gnadenthron. Soll die Braut Christi Stellvertreter auf Erden sein können, muß sie Stunde um Stunde von Ihm leben wie der Zweig von des Stammes Leben und vom Fett der Wurzel. Er ist uns von Gott zur Heiligung gegeben. Nur Er ist deine Liebenswürdigkeit.

Die Liebe macht frei. Die Welt bezaubert nicht die Braut des Lammes. Sie fragt nicht nach den Meinungen anderer. Von ihrem Herrn gewonnen nimmt sie das "Zeichen der Macht" an, durch das sie als die "Ehefrau eines Mannes" offenbar wird. Vom Geist versiegelte Seelen gehen verschleiert durch die Welt. Wahre Heiligkeit ist, sich selbst zu sterben. Die wahre Liebe ist niemals ihr eigener Gegenstand.

Die Locken sind das Symbol des Schleiers, den die verheiratete Frau als Zeichen für die von Gott gegebene Machtstellung des Mannes über sie trug (1. Kor. 11). Das Vorbild in Hoh. 7, 5 bezieht sich teils auf unsere Absonderung, teils auf das vom Geist bei echten Brautseelen gewirkte bescheidene und ergebene Gemüt.

Die Sonne hat es sich zur Aufgabe gemacht, jede Blume zu malen, die sie aus der Erde auferweckt hat. Der Bräutigam unseres Herzens wird auch Seine Eigenschaften auf Seine Auserwählte überführen. Aber sie muß zum Bewußtsein um die Stellung, die sie als Braut des Lammes sowohl in diesem als auch im kommenden Zeitalter hat, erweckt werden.

Sie wurde auf die Erde gesetzt, um ihren Gott und Heiland zu verherrlichen. Darum muß sie verschleiert sein.

Wenn wir einige Eigenschaften betrachten, durch die die Braut gleichsam ein Schild für diese Welt sein soll, werden wir leichter verstehen, was es heißt, verschleiert zu sein. Ein goldener Draht im Schleier der Braut ist

Bescheidenheit.

Diese hat jedoch keine Verwandtschaft mit der Bescheidenheit, die ein Mensch beachtet, um nicht seine eigene Ehre zu verletzen, indem er selbst hervorragt. Sie ist eine auf Leben und Natur gegründete und vom Geist gewirkte Bescheidenheit, fast genauso unbewußt von sich selbst wie das Lächeln der Blume. Die ungezwungene Äußerung des Lebens des Herzens ist immer so natürlich und schön bei warmen Geschwisterseelen.

Je höher die Ziele sind, die der Mensch umfaßt, desto bescheidener ist er.

Wie bescheiden war doch der große Heldenkönig Gustav II Adolf, als er sich vor einigen Kindern, die ihm aufwarteten, als "ein armer Sünder aus Schweden" präsentierte. Wie muß man da die Worte des heidnischen Philosophen achten: "Meine Weisheit besteht darin, daß ich weiß, wie wenig ich weiß." Was kann sich der Mensch rühmen in einer Welt, in der das Wissen so mangelhaft ist, daß sogar die besten Äußerungen des aufgeklärten Verstandes wie Kinderlehren sind im Vergleich zum Wissen in Gottes Licht dort droben. Und wenn alles aus Gnade ist, was sollen wir da von uns selbst sagen!

Die besten Menschen, die jemals gelebt haben, haben ihre Gesichter verhüllt und bekannt, Staub und Asche zu sein (1. Mose 18). Wer hat weniger Wesen von sich selbst gemacht als der große Staatsmann Daniel, der die Herrlichkeit des Herrn sah, oder Paulus, der mehr gearbeitet hat als alle anderen. Im Lichte der Ewigkeit haben sie ihren eigenen Schatten verloren. Der, der den Herrn reden gehört hat, hat keine Lust, sich selbst zu rühmen (2. Kor. 12). Die Erkenntnis des Herrn beendet die leeren Worte. Ein Vergleich mit dem großen Ideal offenbart unsere Mängel, und wir fühlen, was für ein Abstand zwischen Ihm und uns ist.

Sollte der, der Christi Erbe ist, das Irdische suchen? Sollte die Braut die Schultern erheben und versuchen, gebildet und vornehm auszusehen? "Wenn jemand die Welt liebt, ist die Liebe des Vaters nicht in ihm", bezeugt Johannes. "Denn alles, was in der Welt ist, die Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht vom Vater, sondern ist von der Welt." (1. Joh. 2, 16). Es gibt keinen Grund für den, der das Leben im Himmlischen gesehen hat, sich seiner Erziehung zu rühmen. Er rechnet dies alles als Verlust (Phil. 3). Die Braut des Lammes hat das Modejournal gegen das Neue Testament ausgetauscht. Da ist es nicht so wichtig, wie sie aussieht, sondern wie sie ist.

Verbanne die Gottesfurcht, die vor den Menschen scheinen will, und faß niemals eine Sache an, weil sie groß zu sein scheint. Heb niemals die Silberkrone hoch. Leg deine Gabe still auf den Altar. Verbirg deine Begabung, solange du kannst! Was macht es, daß niemand dich sieht, wenn du nur Sein bist. Wie kannst du unbeachtet sein, wenn Seine Augen dir folgen! Freu dich, verborgen zu sein. Steh auf deinem geringen Platz vor Gott, dufte für Ihn und sage: "Mein Geliebter komme in seinen Garten." Such keinen Ehrenplatz auf Erden. Du bist doch die Königin des Himmels. Sei bescheiden in Bekenntnis und Leben.

Die Höhen werden immer von Stürmen heimgesucht. Es ist günstiger für das Leben des Herzens, unbeachtet zu sein, als berühmt zu sein.

Nachdem das Linné-Denkmal im Humlegården errichtet worden war, wurden nahe am Sockel Linneas gepflanzt, die doch bald starben. Danach wurde in der Nähe an einem schattigen Platz eine Rabatte angelegt, wo neue Linneas angepflanzt wurden, und damit die Blume sich wohler fühlen sollte, bekam sie einige Waldpflanzen und Farne zur Gesellschaft. Aber nicht einmal damit konnte man die Sehnsucht der scheuen Waldesblume nach der Tiefe des Waldes stillen. Sie hat die ganze Zeit, sagt man, ein siechendes Leben geführt, bis sie während des vergangenen Winters starb, so daß nun nicht eine einzige Ranke Lebenszeichen zeigt.

Auf ähnliche Weise hat mancher seine geistliche Stellung verloren. Tugenden, die in anspruchslosen Häusern gediehen, verwelken durch irdische Bequemlichkeiten, gottesfürchtige Männer, die Löwen und Bären geschlagen haben, fallen auf den Höhen der Gesellschaft. Dem Höhepunkt des Glückes näher war Saul, als er sich zwischen dem Troß versteckte, als da er stolz vom Sieg über Amalek wiederkam. Im allgemeinen ist es eine große Prüfung für den Menschen, groß zu werden, und es ist für manchen leichter, wie David ohne Schwert zu siegen, als das Schwert richtig zu gebrauchen (1. Sam. 17; Matth. 26, 51). Wieviele, die auf einem geringen Platz brennende und leuchtende Lichter gewesen waren, haben während der Tage des Erfolges ihre geistliche Schärfe verloren und sind schwach im Glauben geworden! Ihre Umgebung ist für den Geist anstrengend und das irdische Ziel fremd für das bei ihnen vom Geist geborene Leben. Der Erfolg ist mit großen Verlusten verbunden gewesen. Sie werden von geistlicher Schwindsucht verzehrt.

Was ist zu tun? Das schwache Leben wird nicht gerettet, indem man Erfahrungen tötet. Das Bekenntnis hat noch nie einen Menschen heilig gemacht. Man möge das Leben mit Kräften ersetzen, die eine christliche Erfahrung zugänglich gemacht haben; sie werden nichts für einen Mann ausrichten, der sich nicht bekehren und wieder wie ein Kind werden will (Matth. 18, 3). Teuer erkaufte Seele, bist du eine von denen, die im Geist gesunken sind, nachdem du von Menschen mit dem einen Vertrauen nach dem anderen beehrt worden bist? Hast du nur die Erinnerung an selige Stunden in der Einsamkeit mit deinem Gott übrig? Du schaust nach jemandem aus, der deine Wurzeln herausreißen und dich auf die Sode, die der Herr gewählt hat, umpflanzen kann, bevor du stirbst. Dein König ist dir nahe. Geh mit ihm beiseite.

Bist du begnadigt worden? Zieh den Schleier über dein Angesicht. Versuche niemals, den großen Mann hinter dem Rücken deines Herrn zu spielen. Du bist nicht wert, Sein zu sein, aber Er ist es wert, dich zu besitzen.

Geh behutsam vorwärts durch die Welt. Wisse, daß viele, die den Schleier von ihren Gesichtern genommen haben, im geistlichen Maße geschändet worden sind. Sie waren auf dem Weg zur Ruhe. Nun liegen ihre Gebeine in der Wüste herum.

Freigekauft von der Erde, erlöst von den Menschen, ziehe den Schleier über dich. Andere mögen durch Worte gewinnen, du wirst durch Kraft gewinnen, andere mögen leben, indem sie scheinen, du wirst leben, indem du stirbst.

Willst du den Weg der verborgenen Treue gehen ohne eine andere Ermunterung als den Beifall von Seinen Augen? Was macht es wohl, wenn dein Ansehen sinkt, wenn sogar Kirchen und Kapellen für dich geschlossen werden, wenn nur Jesu Name verherrlicht und das Evangelium des Geistes geöffnet wird.

Liebe, auch wenn du vergessen wirst. Opfere dich ohne Berechnung. Du bist Sein.

Die zweite Eigenschaft in den Locken der Braut ist

Demut.

Wer ist demütig? Ist es vielleicht der Triefäugige, der ständig mit sich selbst beschäftigt war? Das sei ferne! Der Mensch weint oft aus Eigensinn oder verletzter Eigenliebe, und Tränenflüsse können nicht beweisen, daß er demütig ist. Die Seele kann tief betrübt sein, ja sogar zerschmettert, aber doch des demütigen Gemütes mangeln. Demut ist Gehorsam. Die selig ergebene Seele lächelt durch Tränen.

Die wahre Demut schätzt sich nicht selbst. Der Demütige nimmt alles aus der Hand des Herrn mit einem dankbaren Herzen. Er ist immer freundlich, froh und aufopfernd, aber scheint niemals an seine Verdienste zu denken oder eine Belohnung zu suchen. Die Worte des Herrn: "Kommt her ... erbt das Reich, das euch bereitet ist." waren für die Demütigen eine solche Überraschung, daß sie sagten: "Wann sahen wir dich hungrig und speisten dich? Oder durstig und gaben dir zu trinken?" Sie waren in ihrem Liebesdienst unbewußt von sich selbst gewesen, während dagegen alle, die ihren Teil mit dem Teufel und seinen Engeln bekamen, sehr wohl ihrer eigenen Verdienste bewußt waren (Matth. 25).

Der Demütige ist immer schwach und gering in seinen eigenen Augen, aber hoch begnadet vor Gott.

Als Mose klagte: "Ich kann nicht!", antwortete der Herr: "Versammle mir siebzig Männer aus den Ältesten Israels - ich werde von dem Geist nehmen, der auf dir ist, und auf sie legen, damit sie mit dir an der Last des Volkes tragen." Wie machte nicht diese unerwartete Antwort den Mann verlegen, der neulich geklagt hatte: "Bringe mich doch um - damit ich mein Unglück nicht mehr ansehen muß!". Es muß für ihn, ohnmächtig wie er war, unmöglich gewesen sein zu verstehen, was der Herr meinen konnte mit dem Wort: "Ich werde von dem Geist nehmen, der auf dir ist!" Aber was darf er sehen, als die königliche Equipage an der Tür des Tabernakels hält, und der Herr, der Gott der Heerscharen, von der für Mose selbst unbewußten Kraft etwas auf die siebzig Ältesten verteilt! Als der Geist über sie fiel, weissagten sie, aber sonst nicht.

Wie das versteckte Veilchen verbreitete er einen unbewußten Duft über das ganze Lager. Der Einfluß war sogar so durchgreifend, daß er wie ein Gewässer zu jeder Seele, die der Gegenstand des Geistes war, durchbrach. Sogar die zwei Männer, Eldad und Medad, die vielleicht aufgrund von Widerspenstigkeit im Lager zurückgeblieben waren, weissagten. Die Menge, die sich größere Sorgen darum machte, was sie essen und trinken sollte, als darum, was sie tun sollte, um Gott zu gefallen, war sehr überrascht, als der Herr, der selbst seinen Diener disponierte, ein wenig von seinem Geist nahm und einen tieferen Ton im Herzen der Gemeinde anschlug.

Statt der Essensfrage: "Wer wird uns Fleisch geben?" griffen diese Männer ein ganz neues Thema auf. Welch eine wunderbare Veränderung in dem ungünstigsten Augenblicke! Sie heben ihre Stimme für den Herrn, Jahwe, und die Ruhe des seligen Kanaans auf. Das Volk hört mit steigender Verwunderung zu. "Was kann das sein?" Froh über ihr Zeugnis rief Mose aus: "Mögen doch alle im Volk des Herrn Propheten sein, daß der Herr seinen Geist auf sie lege!" Er war nicht um seine eigene Ehre besorgt. Er liebte das Volk mehr als sein eigenes Leben.

Mose war so reich mit dem Heiligen Geist begabt, daß er ohne spürbaren Verlust ohne den Segen für siebzig Männer auskommen konnte, und dessen ungeachtet so schwach, daß er kurz zuvor geklagt hatte: "Warum habe ich nicht in deinen Augen Gunst gefunden?" (4. Mose 11).

Heute noch wird diese Kraft in Schwachheit vervollkommnet. Es ist besser, einen Pfahl im Fleisch zu haben, als sich zu erheben.

Warum sollen unsere Herzen heftig schlagen und unsere Knie weich werden? Warum sollen wir mit Tränen unter der Last der Sünden des Volkes kämpfen, wenn die Gemeinde sich freut und der Luftraum vom fröhlichen Lachen widerhallt? Warum sollen die, die in das Amt des Geistes eingesetzt sind, sich mitunter wie Würmer vor dem Angesichte des Herrn winden? Das ist der Kampf der Treuen gegen den in der Gemeinde immer mehr zunehmenden Weltgeist und das Mittel, wodurch der Herr Seine Braut nicht nur bewahrt, sondern auch insbesondere vervollkommnet. Durch das Tragen der Not der Menschheit wird sie, wenn auch unter der eigenen Schwäche, zu einer Geschwisterseele vervollkommnet werden. - "Meine Schwester, meine Braut." Und ihre Klage: "Ich kann nicht." wird auch noch heute eine neue Offenbarung der Kraft Gottes veranlassen.

Fühlt sich die Last schwer an? Hast du angefangen, die Verantwortung größer als dein Vermögen zu finden? Wie doch mancher, der eine Erhebung im Geist erfahren hat, zusammensinkt wie Hesekiel, seiner Ohnmacht wegen verstummt! Aber harre aus. Wenn die Seele still geworden ist, wird das eigene Wort des Herrn über diese für Ihn geheiligten Lippen fließen und zu seiner Zeit Frucht bringen.

Wenn du auch mit Furcht und Zittern zu Werke gehst, wird der Geist selbst das Wort zu jeder Seele, die Er meint, führen. Die eine Stimme wird sich nach der anderen erheben, nicht zu deiner Ehre, sondern zur Anbetung Seiner, den dein Herz preist, aber mögest du allezeit in heiliger Unkenntnis um deine Kraft bewahrt werden!

Der Demütige hat seinen eigenen Schatten verloren.

Hast du die kleinen Handleuchten mit einem Glas auf der Vorderseite gesehen oder bist du einem Wagen mit Laternen zu später Abendstunde begegnet? Das in der Handleuchte brennende Licht wirft seine Strahlen vor die Füße des Mannes und öffnet den Weg, je nachdem er vorwärts geht. Aber der glückliche Mann ist doch immer ohne Schatten verborgen, und alles, was andere sehen können und er selbst beobachten kann, ist das Licht. Du konntest so gut vom Schein der Laterne geblendet werden, aber sahest kaum einen Schimmer der Vorbeifahrenden, und weil das Licht den Schein nach vorne warf, besaßen die Gegenstände keinen Schatten. So will der Geist der Wahrheit auch Seine Kinder durch Gehorsam gegenüber der Wahrheit vorwärts führen, während Er selbst Christus offenbart und verherrlicht, aber Seine Auserwählten in der Nacht ohne Schatten verbirgt.

Als Mose vom Berg herabkam, strahlte er die Herrlichkeit Gottes aus. Aber wie hatte er solche Eindrücke empfangen und offenbaren können? Steht nicht das Feuer in seinen Augen und der Glanz an seiner Stirn im Verhältnis zur Hitze der Prüfungen und zum Umgang der Seele mit ihrem Gott? Er hatte unter Tränen für die Rettung seines Volkes gekämpft und kam zum Herrn, wo er wiederum vierzig Tage blieb, zerschlagen und demütig. Der klare Schein wurde nicht durch Zauberei einer entflammten Phantasie hervorgerufen und war nicht Frucht einer Sinnesbewegung. Er war mit Gott gewesen und brachte das Wort des Herrn zum Volk, das war alles, was er wußte.

Das waren keine leeren Worte und Frasen, sondern majestätische und lebendige Wirklichkeiten. Die Kinder Israel sahen das und zitterten, denn sein Angesicht war wie das eines Engels. Wie sollten die Kinder des Neuen Bundes Mittel sein, um durch das Amt des Geistes das durchdringende Licht der Herrlichkeit ihres Königs hinauszutragen! Möge der Herr Sein Volk dazu begaben, heilige Ehrfurcht für Seinen Namen zu wecken, aber uns in heiliger Unkenntnis unseres Glanzes bewahren!

Freue dich über deine Geringfügigkeit! Der Herr teilt sich oft durch verächtliche Werkzeuge mit, um Seine Ehre zu retten und unsere Herzen an Ihn selbst zu binden. Welche Offenbarungen haben wir durch solche Männer, die die Schule des Leidens und Kummers durchgemacht haben und dazu gering und verachtet in der Welt waren, empfangen dürfen! Welches Licht hat John Bunyan, der arme Kesselflicker, auf den Weg der Christen durch seine "Pilgerreise" werfen dürfen, durch das Buch, das er im Gefängnisloch von Bedford geschrieben hat! Und hat sich nicht die Welt der Ewigkeit für uns durch einen Jünger geöffnet, den diese Welt verwarf?

Wer sieht die Kabel, die die beiden Erdhälften miteinander verbinden und durch welche die beiden Weltteile miteinander sprechen? Das große Telefonkabel liegt unter dem Meeresboden, tief unten im Verborgenen. Die auserwähltesten Werkzeuge sind gewöhnlich die, die in den Augen der Welt verachtet sind, sie hinterlassen der Menschheit als Erbe die Wahrheit.

Nachdem die Seidenraupe ihrer Puppe abgestorben ist, verwandelt sie sich zu einem Schmetterling. Und wenn das Selbstleben stirbt, feiert der Geist Seine Triumphe.

Die dritte Eigenschaft ist ein gezwirnter Draht der christlichen Tugenden:

Untertänigkeit und Achtung.

Das Glied, das die Gottheit zusammenhält, ist Untertänigkeit. Der Sohn ist Seinem Vater untertan, der Heilige Geist führt ihren Willen aus; und die Braut des Lammes, die die Natur des Lammes hat, ist untertänig und still.

Obwohl vom Sohn geweissagt worden war, daß Er ein Mann der Schmerzen werden sollte, sagte Er doch bei Seinem Eintritt in die Welt: "Siehe, ich komme - in der Buchrolle ist von mir geschrieben -, um deinen Willen zu tun, o Gott." Er blieb dem Willen Seines Vaters treu, auch als Er am Kreuze ausrief: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Zu der gleichen Untertänigkeit muß die Braut durch Leiden vervollkommnet werden.

Wir sind schuldig, Gott zu danken, daß der Weg des Glaubens ein Weg des Leidens ist. Sonst hätten wir weit mehr Heuchler unter uns; und wir würden nicht einmal selbst das vor uns liegende Ziel ohne Leiden des Fleisches gewinnen. Nicht genug damit, daß der Tag des Erfolges uns betört und irremacht. Sogar eine christliche Erfahrung kann die Selbstsucht düngen, so daß wir meinen, hoch begnadigt zu sein und dadurch gewissen Forderungen an Gott stellen zu können, anstelle zu beten: "Nicht wie ich will, sondern wie du willst." Dieser Eigensinn läuft oft unter dem Namen des Glaubens unter dem Volke Gottes. Man nimmt das Wort des Herrn in den Mund und ruft: "Du mußt, du mußt!" Es besteht doch die Gefahr, daß ein solcher Glaube die niederschlagende Erfahrung eines Asaph teilen muß (Ps. 73).

Es gibt einen würdigeren Ausdruck für den christlichen Glauben, und das ist der untertänige Glaube, der Glaube, der in der Hitze der Prüfung gereinigt worden ist.

Der Geist verlangt danach, die Gottessöhne zu offenbaren.

Niemals geahnte Prüfungen werden offenbaren, welche mitfolgen und welche Nachfolger sind. Wie sich die künstliche Blume von der echten durch die Wirkungen der Sonne unterscheidet, denn ihre Farben verbleichen, so werden die Lauen durch den die Herzen erforschenden Geist Gottes abgesondert werden (Offb. 3, 16). Die Tage vor der Wiederkunft des Herrn sind eine Zeit der Züchtigung, da Er sich keinerlei Mühe spart, sich ein Volk zu schaffen, das bereit ist. Die, die den Geist des Sohnes haben, beugen sich unter den Willen des Vaters, und der treue Geist versäumt nicht, ihre Herzen zu trösten und die Seele zur Ruhe zu bringen. Aber die, die nur um der Freude willen dabei sind, ziehen sich in der Hitze der Prüfungen zurück.

Dem, der keinen untertänigen Geist hat, fehlen die Kennzeichen der Braut.

Die Seele findet soviele Gründe, die Wege des Herrn zu kritiseren und an Gott zu zweifeln, nachdem sie an Ihm Anstoß genommen und sich selbst zu leben angefangen hat. Während untertänige Seelen sich freuen und Sein Lob auf unbekannten Wegen singen, wird der Kritische immer friedloser, unruhiger und umhergehetzter. Der, der seine erste Treue gebrochen hat, bekommt immer mehr mit Gottes Zugeständnis zu tun als mit Gottes Befehlen. Wenn du wie ein Sohn Abrahams begonnen hast, ende nicht wie Bileam. Er wollte mit Boten zu Balak gehen, denn er liebte den Lohn der Ungerechtigkeit, und der Herr ließ das zu. Ich fürchte, daß viele der heutigen Christen es lieben, Bileams Religion zu haben. Sie haben den schmalen Weg verbreitert und beschäftigen sich mit so vielen zweifelhaften Dingen.

Es ist die Pflicht der Ehefrau, ihrem Mann untertänig zu sein. Und es ist die Pflicht der Gemeinde, Christus untertänig zu sein. Es ist in all unserer Unkenntnis ein seliges Vorrecht, so dem Herrn ergeben zu sein, daß nicht unsere eigenen Gedanken oder irgend eine menschliche Eingebung, sondern der Wille Gottes das bestimmende Gesetz ist und Seine Worte die entscheidende Autorität für uns sind. Der Anfang der Wege Gottes kann dunkel und dem Fleische widerstrebend erscheinen. Aber der, der mehr nach den Dingen, die Gott befiehlt, fragt als nach denen, die er zuläßt, wird wie Abraham Ruhe und Freude im Willen Gottes finden.

Stille, untertänige Seelen strahlen ständig Jesu Friede aus, aber die Knechte des eigenen Ichs werden von Kummer und Streit niedergedrückt. Er will uns lehren, nicht nur Seinen Willen zu tun, sondern desgleichen untertänig in Ihm zu ruhen (Ps. 131; Jer. 53).

Gleichwie wir Christus untertänig sind, laßt uns auch einander untertänig sein. Der, der sich rühmt, Gott untertänig zu sein, aber dem Demut im Leben fehlt, der ist ein Heuchler.

Die Braut achtet auf den Bräutigam und Seine Worte. Siehe auf Abraham, Gottes Freund, und Johannes, den Geliebten. Sie hatten Achtung vor Gott und Seinen Worten. Wenn der himmlische Freund dem höchsten Vertrauen entspricht, das du ihm geben kannst, solltest du vor Ihm wie vor einem Ehemann Achtung haben. Leihe dich nie der modernen Kritik an Seinen Worten; aber zeige durch Gehorsam gegenüber der Wahrheit, daß du eine ungeteilte Achtung für die göttliche Autorität der Schrift hegst. Wenn Er gesprochen hat, frage nichts mehr. Bemühe dich, vor einer zweifelsüchtigen Welt zu zeigen, daß Christus eine Wirklichkeit für deine Seele ist.

Zeige Achtung vor Seiner Person, Seinem Werk, Seinem Geist, Seinen Worten.

Es ruht eine Verantwortung auf dir, Achtung für deinen Herrn bei anderen zu gewinnen, indem du selbst Achtung vor Ihm hast. Die Gemeinde ist für den Hohn der Gottlosen gegenüber heiligen Dingen mitverantwortlich geworden, weil sie selbst nicht in Übereinstimmung mit der Lehre Christi gelebt hat. Laßt uns daher mit dem Herrn einen Bund eingehen und durch das Ablegen des alten Menschen und Anlegen eines neuen die ägyptische Schmach ablegen (Jos. 5, 9; Eph. 4).

Nachdem wir noch einen feinen Draht in den Schleier der Braut gezogen haben, laßt uns auch das "Zeichen der Macht" anziehen, wodurch geoffenbart wird, daß wir die Frau eines Mannes sind:

Anhänglichkeit.

Die Nacht hat die Wirkung auf die meisten Blumen, daß der von der Sonne geöffnete Kelch sich wieder schließt. Der Geist Christi, der unser ganzes Wesen einnehmen will, wird auch unsere Herzen für die von geistlicher Abgestumpftheit gefolgte Weltliebe verschließen. Möge die Abenddämmerung der Zeit unser Herz mit Ihm einschließen, und möge Er der einzige sein, der seinen Kräutergarten öffnen und verschließen kann (Hoh. 4, 12)!

Entschlossene Hingabe bewahrt. Für den, der Stunde um Stunde von Seiner Liebe lebt, hat die Welt ihre Verlockung verloren.

Laßt uns die letzten Tage zu einer Zeit der Liebe und Hoffnung für unsere Herzen machen, indem wir unsere Leben dem Umgang mit Gottes Sohn heiligen.

Denn der Hochzeitstag ist nahe.

 

Gewonnen um zu gewinnen

 

Christ, du bist berufen und dazu vom Herrn bestimmt zu gewinnen.

Die Erfahrung der Braut zeigt, daß wir erst allmählich begreifen, wozu wir berufen sind.

Aber der, der gewonnen ist, jagt, um zu gewinnen, und nur der, der gewonnen ist, hat die Voraussetzungen, um zu gewinnen.

Wie ist wohl sie, die Schwarzbraune, so schön geworden, daß alle reine Wesen zu ihr gezogen wurden (Ps. 45, 15)? Sie war gewonnen worden und stand unter dem Einfluß eines Freundes, der durch und durch liebenswürdig war. Die Gemeinschaft mit dem Herrn versetzt sie in die Lage, ein erhabenes Vorbild sowohl in irdischen wie auch in geistlichen Angelegenheiten zu sein. Sie ist das Bild dessen, den sie liebt.

Der meine Liebe gewonnen hat, hat mich selbst gewonnen, und der, den ich bewundere, hat Macht über mich. Die Fähigkeit, Christi Charakter zu gewinnen, steht im Verhältnis zu Seinem Einfluß über mich.

1. Die Liebe befreit. Die Blume muß viele Bänder zerreißen, bevor die Sonne ihren reinen, hellen Kelch küßt. Aber sie wird durch die Beeinflussung der warmen, lebensschenkenden Strahlen der Sonne gestärkt, und einmal für die Sonne geöffnet steht sie am herrlichen Tag des Lebens mit dem Blick unaufhörlich gen Himmel gerichtet da. Vom Himmel ist sie gekommen, zum Himmel steht ihr Begehren; und die Sonne, die ihren duftenden Kelch gefärbt hat, ruht in ihr. Die Liebe ist die befreiende Macht. Die Liebe öffnet unsere innere Welt für das Licht. Der Ruf der Seele: "Ich will dein sein!" ist die Antwort auf Seine erbarmende Liebe. Die Sonne in unserem Auge ist der Widerschein der Liebe.

Seine Güte fließt in Gnade über uns, bis unsere Herzen für die Sonne aufgehen. Ein so gnädiger Herr hat unsere Herzen für allezeit gewonnen, und uns fehlen nicht die Freuden der Erde, aber wir würden vor Kummer sterben, wenn Er nicht unser Ohr durchbohren wollte. Er ist so nahe wie der Hausherr seinem Diener, um Sein teuer erkauftes Eigentum zu versiegeln (2. Mose 21). Und was mehr? Er läßt Seine mildeste Liebe über denen ruhen und verwendet alle Sorge auf deren Erziehung, die durch den Glauben und von Seiner Liebe getrieben sich Ihm übergeben haben. Mein Freund, hast du wohl eine Stunde an Seinem Türpfosten gehabt?

2. Ein Christ wird durch heilige Übergabe vervollkommnet. Indem Er uns auf die Lilien auf der Erde hinweist, will der Meister uns lehren, daß der Mensch durch heilige Übergabe und nicht durch Anstrengungen vervollkommnet wird, gleichwie die Blume durch Gehorsam gegenüber dem Naturgesetz wächst. Wenn ich die kleinen Blümchen so lächelnd gen Himmel blicken sehe, meine ich sie zusammen mit dem säuselnden Abendwind ihr "Heilig dem Herrn" singen zu hören. Warum, wenn nicht darum, weil sie ganz dem Einfluß ihres Schöpfers untergeordnet sind! "Betrachtet die Lilien, wie sie wachsen; sie mühen sich nicht und spinnen auch nicht. ... Wenn aber Gott das Gras, das heute auf dem Felde steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, wieviel mehr euch, Kleingläubige!" (Lk. 12).

Übergib dich, o meine Seele, Seinem Wirken. Die Braut des Lammes ist doch eine Blume Sarons. Die innere Schau des Herrn ist der Tag des Herzens. Wenn dein Auge auf Ihm ruht, ruht auch Er in dir. Wenn Er ins uns ruht, sind wir Seine Widerspiegelung, wie die von der Sonne geöffnete und von der Sonne selbst geschmückte Blume in den Farben prangt, die die Sonne ihr gab. O, daß wir die große Liebe, die beständig über uns fließt, kennten!

3. Unser Gehorsam steht im Verhältnis zu unserer Übergabe. Nur der kann stark in Gottes Willen sein, der seinen eigenen gekreuzigt hat. "Ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt im Fleisch lebe, lebe ich im Glauben, und zwar ein Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat." (Gal. 2). Als die Griechen Jesus sehen wollten, antwortete Er: "Die Stunde ist gekommen, daß der Sohn des Menschen verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben liebt, wird es verlieren; und wer sein Leben in dieser Welt haßt, wird es zum ewigen Leben bewahren." (Joh. 12). Dieser Weg ist offensichtlich für das Fleisch ein Weg des Leidens und Sterbens. Aber das Leiden ist nicht wie das unermeßliche Meer, sondern ein Kelch, der vom Herrn abgemessen und gesegnet worden ist. Niemals wird uns ein Engel fehlen, der uns tröstet, wenn unsere Herzen in dem Willen dessen ruhen, der bat: "Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst!" Gethsemane ist die Hochschule des Lebens.

Das wahre Leben wird geoffenbart, soweit wie wir selbst dem Tod um Seinetwillen ergeben sind. In dem Maße wie der Herr uns besitzt, ist Er unser unschätzbarer Gewinn. Ich bin meines Freundes, und zu mir steht Sein Begehren. Siehe da, was die Quelle zum gesegnetesten Leben auf Erden ausmacht. Du kannst kein Sieger sein, bevor du nicht Sein bist.

4. Man gewinnt das, wofür man lebt. Keiner gewinnt das Ziel, das seinem Streben entgegengesetzt ist. Es wäre leichter für einen Touristen, zu den Alpen zu kommen, wenn er die norwegischen Berge als Ziel hat, als für einen Christen, das Abbild seines Herrn zu werden, wenn er die Welt und die Dinge, die zu der Welt gehören, liebt. Die Seele muß "fliehen", um dann nach dem vorausliegenden Ziel zu "jagen". Du wirst Christus ähnlich, indem du für Ihn lebst. Jeder Schritt, im Glauben und Gehorsam gegenüber Seinen Geboten genommen, führt deine Seele näher zu Gott.

5. Dies bringt uns dazu, an die andere Seite des Glaubenslebens zu denken, nämlich an den Kampf für dessen Vollendung. Das Leben kämpft mit mächtig wirkenden Gründen für seine Entwicklung. Auch der, der gewonnen worden ist, muß sich darum bemühen zu gewinnen. "Ein Leben ohne Anstrengungen und Kämpfe", hat jemand gesagt, "paßt Engeln und Heiligen, aber nicht den Menschen, die sich in der Entwicklung befinden." Bemüht euch! Kämpft! So lautet die Ermahnung der Schrift. Der, der sich nicht einem solchen Glaubenskampf unterwerfen will, ist des Reiches Gottes unwürdig.

Wenn der Herr unsere Herzen gewonnen hat, wird das auch durch unsere Liebe zu Ihm offenbar werden. Die Liebe zu Ihm wird uns dazu treiben, möglichst alle für Ihn zu gewinnen. Aber doch in Übereinstimmung mit Seiner Kraft, die mächtig in uns wirkt (Kol. 1,29).

Der, der gewonnen worden ist, ist die rechte Person, um zu gewinnen.

Wenn die Taube, die in den Felsspalten verborgen war, eine Geschwisterseele geworden ist, wird der rechte Missionsgeist offenbar.

Sie will keine andere Gesellschaft haben als den Auserwählten. Denn sie ist mit Christus in das Himmlische versetzt worden und hat ihren Umgang mit Ihm. "Genauso wenig wie sie Bedauern verspürt, während sie dient, so wenig bedauert sie es, nicht mit anderen Umgang zu haben." Sie fragt auch nicht nach den Meinungen anderer. Das einzige, um was sie sich kümmert, ist die Gegenliebe des geliebten Freundes.

Nun muß sie, die gewonnen worden ist, hinausziehen, um zu gewinnen. Sie hat angefangen, gegenüber der Kenntnis Jesu Christi alles als Verlust zu rechnen; und sie weiß von keinem Verzicht für die Freude, mit dem Herrn zu sein. Mit Ihm scheint selbst die Wüste ein Lustgarten zu sein, und sie, die sich so manche Ermahnung angehört hat, lädt nun ihren Freund zu einer Missionsreise durch das Land ein. Sie schlägt jetzt vor, daß sie die versäumte Arbeit in den abgelegensten Dörfern aufnehmen sollen. "Komm, mein Freund", so lautet die Ermahnung, "laß uns aufs Feld hinausgehen und auf den Dörfern bleiben." Dieser Hang zum Lande ist der wahre Ausdruck für die Menschenliebe, die der Bräutigam selbst bei ihr geweckt hatte, aber zugleich eine Äußerung ihres Bedürfnisses, einsam und allein mit dem Herrn zu sein.

Und wirklich, ein Diener des Wortes muß Erfahrungen durchmachen, die er nur mit dem Herrn teilen kann.

Sie wollte ihrem Volk den Einfluß zugute kommen lassen, den sie durch ihre Vereinigung mit dem König des Landes gewonnen hatte. Wozu? Nur um der Seelen willen? War nicht der Grund der, daß sie Seinem eigenen Herzen begegnen und Ihm Ihre Liebe geben wollte? "Wir wollen uns früh aufmachen zu den Weinbergen, wollen sehen, ob der Weinstock treibt, ob die Weinblüte aufgegangen ist, ob die Granatapfelbäume blühen. Dort will ich dir meine Liebe schenken." (Hoh. 7,13). Ein reiner Beweggrund für eine unbegrenzte Selbstaufopferung! Nicht um gesehen zu werden, nicht um der Menschen willen. Nein, "dort will ich dir meine Liebe schenken."

Brüder! Ist es unsere einzige Lust, mit dem Herrn zu sein? Predigen wir den Gekreuzigten um Seinetwillen und nicht nur der Seelen wegen? Was für eine Ermunterung schätzen wir am meisten, Seine teure Liebe oder die Erfolge in unserer Arbeit? Der, der Ihm nicht Seine Liebe während der Arbeit gibt, verliert auch Seine Liebe zu den Seelen.

1. Die Fähigkeit, Eindruck zu machen, ist von keinem Wert verglichen mit der Gabe, den Herrn groß zu machen.

Der Schöpfer des berühmten Gemäldes, das das Abendmahl darstellt, hatte die Absicht, das Bild Christi auf eine so in die Augen fallende Weise darzustellen, daß es möglichst einen jeden gewinnen und fesseln sollte. Aber in einer Ecke des Bildes befand sich ein kleines Schiff, an dem Leonardo drei Wochen lang gearbeitet hatte. Nachdem das Bild ausgestellt worden war, sah man alle Menschen, die es betrachteten, sich an der Ecke zusammendrängen, wo sich das Schiff befand. Und sie sagten: "Seht, wie meisterlich das gemacht ist! Welch ein Maler er ist!" Was tat Leonardo? Am Abend, als alle gegangen waren, nahm er seinen Pinsel und beseitigte mit einem Strich das kleine Schiff. "Niemand soll hernach etwas anderes bewundern als Christus", sagte er. O, daß der gleiche Eifer um Seine Ehre einen jeden von uns beseelte!

Keine unwürdigere Person kann das Wort des Herrn in seinen Mund nehmen als die, die groß vom Herrn reden kann, ohne Ihn groß zu machen. Ein Diener Christi muß seiner Botschaft Achtung schenken, indem er selbst in den Schatten tritt. Wenn der Bote größer wird als die Botschaft, hat er seine Aufgabe verloren. Er ist "ein tönendes Erz und eine klingende Schelle", wenn seine Redegewandtheit, aber nicht sein Herr bewundert wird. Daher möge Gott uns vor dem Geist bewahren, der große Dinge tut, ohne den Herrn groß zu machen.

Manchem fehlt die Gabe des Geistes, weil er das Menschliche statt des Geistlichen kultiviert. Aber das Volk ruft: "Was für eine Erzählung! Welch schöner Vortrag! Was für ein Genie! Welche Begabung! Welche Lehre! Was für eine Gesangsstimme hatte er! Was für ein Prediger ist er doch!" Und man könnte noch viel mehr von dem merkwürdigen Redner sagen. Aber ich glaube, daß keiner dadurch Gott näher gekommen ist, ich kann auch nicht hoffen, euch in der Länge zu interessieren. O nein! Der, der die Braut hat, ist der Bräutigam. Keiner hat tiefere Sympathien von der Menschheit gewonnen als Jesus. Was ist der Prediger gegenüber Christus? Was ist unser Leben ohne Ihn?

2. Die Hauptsumme des Evangeliums Christi ist diese: "Siehe, Gottes Lamm!". Der, der ein erfolgreicher Seelengewinner sein will, muß sich die Predigt des Kreuzes zur Hauptaufgabe machen.

Dannecker arbeitete zwei Jahre lang an einem Christusbild. Als er glaubte, es fertig zu haben, fragte er ein kleines Mädchen, wen das Bild ihrer Meinung nach darstelle. "Das ist ein großer Mann!", sagte das Mädchen. Über die unerwartete Antwort betrübt beschloß er von neuem anzufangen und setzte die Arbeit weitere sechs Jahre lang fort. Dann ließ er das gleiche Mädchen holen. Als sie eine Weile lang das Bild betrachtet hatte, begannen die Tränen über ihre Wangen zu strömen, und sie sagte: "Das ist er, der sagte: 'Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihrer ist das Himmelreich.'." Da wurde der Künstler froh, denn er verstand, daß es ihm geglückt war. Einen Menschen vom Heiligen Geist zur Liebe und Bewunderung Christi gerührt zu sehen ist die Freude eines treuen Dieners (Joh. 3, 29.30).

Aber niemand kann Priester im Heiligtum sein ohne das Opferblut. Auch heute müssen wir das Feuer des Geistes empfangen durch das für uns gegebene Brandopfer. Wir würden die Kinder des Todes sein, wenn nicht das Blut des Lammes sogar unsere besten Handlungen reinigte.

Wie muß das Wissen darum unsere eigene Person in den Schatten stellen! Wie sollten wir - wie "die Stimme eines Rufers" - unsichtbares Mittel für Seine Offenbarung sein!

Die Verantwortung, die auf uns liegt, sollte auch unser Leben ernsthaft machen.

Sollte nicht unser Gesellschaftsleben derart sein, daß es Achtung für den Namen des Herrn einflößt? Sollte nicht immerzu unser Ziel sein, andere für Ihn zu gewinnen? Aber wie dahin kommen?

1. Das Gebet ist die Pforte des Lebens. Die Quelle zu einem Augenblick, dessen Folgen sich durch Zeitalter hindurch erstrecken, war oft genug ein Gebetsleben. Der Grund für das Leben, das der Menschensohn auf der Erde lebte, ist zweifellos in Seinem Verhältnis zum Vater zu suchen. Der Umgang mit Gott heiligte den Umgang mit der Welt. "Klopfet an, und es wird euch aufgetan."

2. Ein treuer Verwalter wird klug. Der Weg, um allen treu zu sein, ist, einem treu zu sein. Der, der nicht Christus treu ist, kann auch nicht anderen treu sein. Nur die Treue dem Herrn gegenüber kann dich zu einem klugen Verwalter machen.

Befindet sich Wahrheit in unserer Absonderung für Gott, dann wird der Sünder durch unser Leben erweckt werden. Wenn die Gemeinde ihrer Aufgabe treu ist, wird die Welt unter den Einfluß des Evangeliums Christi gebracht werden. Denn die Vereinigung mit einem Herzen, das im Tod zerbrach, kann auf uns keine geringe Wirkung haben als ein Aufleben des apostolischen Missionsgeistes.

"Aber ich achte mein Leben nicht der Rede wert" usw. (Apg. 20). "Nicht der Rede wert!" Und dennoch können die meisten dabei sein, wenn sie nur alles, was sie haben, behalten dürfen. Während dein Herz am Irdischen hängt, triumphierst du: "Ich habe alles für Jesus verlassen, die Freude der Welt mögen andere nehmen." Ist das der Triumph des Teufels oder der Sieg des Geistes?

Man beweist seine Liebe zum Herrn nicht durch ein großes Bekenntnis, sondern durch Opfer. "Hieran haben wir die Liebe erkannt, daß er für uns sein Leben hingegeben hat; auch sind wir schuldig, für die Brüder das Leben hinzugeben." Auf uns liegt besonders schwer die Verantwortung für die Seelen, die der Herr offensichtlich unter unseren Einfluß bringt, damit sie gerettet werden oder sterben. Welche sind diese? Mit einem Wort: solche, deren Vertrauen der Herr uns gegeben hat.

3. Der Gehorsam dem Geist gegenüber ist der Weg zur Lebensweisheit. Die Verheißung: "Er wird euch alles lehren." kann nur der in Besitz nehmen, der das Werkzeug des Geistes ist. Nicht der, der den Geist braucht, sondern der, der vom Geist gebraucht wird, führt das Werk des Geistes aus. Was ist das Werk des Geistes? Christus zu verherrlichen. "Er wird mich verherrlichen." Der, der in der Absicht des Geistes wirkt, kann der Hilfe des Geistes gewiß sein (Phil. 1, 19-20). Aber der Prediger ist kein Antreiber, sondern ein Vorläufer. Dort, wo seine eigene Vervollkommnung begrenzt wird, ist die Grenze seines Einflusses. Du kannst andere nicht weiter bringen, als du selbst gekommen bist.

4. Offensichtlich muß jeder Seelengewinner es zu seinem Ziel machen, Christus zu gewinnen. Wenn er das nicht tut, ist seine Sache verfehlt. Wie der Künstler den Gegenstand, den er wiedergeben will, lebendig vor seiner eigenen Seele haben muß, so mußt auch du dir voll der Botschaft, die du verkündigst, bewußt sein, und die Fähigkeit, andere für Christus zu gewinnen, steht im Verhältnis zu deiner Bewunderung Seiner. Der berühmte Meister Gustave Doré sagte: "Wenn ich Ihn besser kennengelernt habe, werde ich Ihn besser malen."

Die Mängel in unserer Arbeit dürfen niemals ein Grund zum Aufhören sein. Im Gegenteil. Die Liebe zum Herrn sollte uns zu neuen Anstrengungen mahnen. Möge es unser Ziel sein, mehr zu lieben und besser zu zeugen. Laßt uns Ihn erheben, bis alle, die zuhören, sagen: "Auch wir wollen Ihn suchen."

 

 

 

SCHLUSSWORT

Die Sonne meines Lebens sinkt, und ich bin wie ein sterbender Mann unter euch. Gern würde ich sterben, wenn ihr meinen Herrn als König krönen wolltet, wenn meine Stimme gebrochen ist und mein Staub in der Erde ruht. Aber warum nicht jetzt?

1. Die Stunden fliehen. Die Ewigkeit schlummert in der Zeit. Das Leben ist eine Saat, die die Ewigkeit erntet. Willst du mir zu den kalten Wellen des Jordans folgen und vor dem Ernst des Todes und der Ewigkeit fragen: "Für was lebe ich?" Denk, wenn du schließlich gezwungen wärest zu klagen: "Ich bin viele Jahre lang Christ gewesen, aber habe niemals eine Seele für Jesus gewonnen. Und nun muß ich sterben. Mein Leben ist verloren!" Die meisten Gaben kann der Mensch zweimal entgegennehmen. Aber du bekommst niemals mehr als ein Leben. Und dieses Leben ist kurz. Ist die Blume des Lebens zu schön, um sie Ihm zu geben, der dir alles gab? Hast du wohl neben Ihm, der in deinen Locken gefangen ist, einen Wunsch? Sage, welche Antwort soll ich Ihm, der mich gesandt hat, geben!

2. Der Bräutigam ruft. Der himmlische Freund ruft: "Siehe, ich komme bald!" Der mahnende Ruf hat ein ums andere Mal das Herz der Gemeinde erschüttert. Soll die Botschaft: "Ich stehe vor der Tür!" noch einmal ungehört verklingen? Trotz aller deiner Sünden bist du der Gegenstand Seiner Liebe. Hast du Ihn nicht die Pforte des Herzens einen Spaltbreit öffnen sehen und sagen hören: "Öffne mir.... meine Taube....denn mein Haupt ist voller Tau, meine Locken voll von den Tropfen der Nacht." Wer kann Er sein? Er ist der König der Könige und der Herr der Herren. Es ist Er, der in der Qual des Todes und beim Ruf: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Seine Arme um dein Herz schlang und sagte: "Deine Liebe wird mich ewig erfreuen!"

3. Der Ruf des Geistes an die Gemeinde. Der Heilige Geist ermahnt uns mit der Redegewandtheit einer Mutter. Der eine Ruf löst den anderen ab: "Steht auf und nehmt euer Erbe in Besitz!" Wer hat nicht von dem Land gehört, in dem Milch und Honig fließt? Keiner von uns ist im Ungewissen, daß uns alles geschenkt ist, was zu Leben und Göttlichkeit gehört. Der Heilige Geist hat es uns geoffenbart und hat uns an die Grenze zu einem überfließend reichen Land geführt. Tränen sind geströmt, und heilige Versprechen wurden abgelegt. Seine Liebe hat unsere Herzen berührt, und wir haben vor dem Herrn geklagt: "Vergib mir meine Schuld und nimm mich, wie ich bin!" Dennoch werden viele an der Grenze sterben und in den Gräbern des Ehrgeizes, der Weltliebe, des Stolzes, des Unglaubens und des Parteisinns begraben werden. Wir werden unter viel Kampf, Leiden und Tränen dem Volk der Wüste Trauben bringen.

Unter denen, denen mein Wort gilt, gibt es solche Seelen, die sogar für eine Erneuerung des Geistes gekämpft haben, aber niemals zu einer tieferen geistlichen Erfahrung gekommen sind. Und was sind diese jetzt? Wenn wir die Herzen der Menschen durchschauen könnten, würden wir bald ein Volk finden, das wie Israel während eines scheinbaren Fortschrittes in einem fürchterlichen Rückgang begriffen ist und nach den Genüssen dieser Welt zu seufzen begonnen hat. Viele haben gar zum Trotz gegen den Heiligen Geist zu reifen begonnen. Ernste Zeiten!

Die Gemeinde ist an dem entscheidendsten Zeitpunkt angelangt, den sie jemals erlebt hat. Der wiederkommende Herr und Bräutigam steht an der Tür. "Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Gemeinden sagt!" Wie gilt es jetzt, in heiliger Furcht zu wandeln! Möge Gott unsere letzten Augenblicke bewahren und heiligen! Bald naht unsere Erlösung.

4. Du bist zu Seiner Herrlichkeit berufen. Strahlend wachen Posten bei der goldenen Burg Zions. Mit Harnisch bekleidete Cherubim paradieren an den Pforten des Himmels. Die Zeichen der Zeit eilen auf dem Weg des Königs wie Lichtanzünder durch die Nacht. Ich meine, den einen Feuerwagen nach dem anderen über die Berge eilen zu sehen. Alle bereit, Seine weinende, kämpfende Braut zu holen! Bist du bereit? Sollte nicht das "Aufgebot" für Christus und die Gemeinde schon längst abgekündigt sein? Welche Vorkehrungen hast du getroffen, um Ihm zu begegnen?

Im Hochzeitssaal, wo die Saphire lodern, beschauen zitternd die "Tausend und abermal Tausend" unsere von der Herrlichkeit des Lammes beschienene Wohnung. Die Goldplatte ist vor langem schon für den auserwählten Gesangschor auf dem Berge Zion fertig geworden. Bald wird die Posaune erschallen und die Gemeinde Gottes durch die Perlenpforten des Himmels einziehen. Warum solltest du, der du zum Miterben in der Welt der Reinen und Heiligen berufen bist, das Irdische suchen und deine Seele beflecken?

Du bist unwürdig und gering. Aber dein Herz ist für Ihn geschaffen worden, und Er liebt dich. Laß die Welt fahren und werde Sein! Kämpft das neue Leben gegen eine zähe Jakobsnatur? Sei still unter der Zucht des Geistes! Die Gnade wird im Leben herrschen. Und du wirst ein Fürst werden.

Was himmlische Wesen nicht empfangen können, das hat Er uns Sündern bereitet. Es gibt genügend Gnade, um als Heiliger zu leben. Die Sonne blendet unser Auge, aber ruht im Tautropfen. So will auch Er, der die "Sonne der Gerechtigkeit" ist, in uns ruhen, ruhen, bis wir in Ihm aufgehen, wie der Tautropfen von der Sonne verschluckt wird, ruhen, bis wir unseren eigenen Schatten verloren haben, und man weder von Paulus noch von Apollos spricht (1. Kor. 3, 4), sondern

CHRISTUS ALLES UND IN ALLEM IST.

 

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Last edited on: Sunday October 28, 2001     E-mail us at: mail@ksb.org.za          Return to KSB Home page